Andacht 2022 08 - Tina Willms Himmelspostkarte

Liebe Leserinnen und Leser,

die Ferienzeit ist die Zeit im Jahr, in der tatsächlich noch manchmal eine Postkarte in meinem Briefkasten landet.
Die Familie oder eine Freundin oder ein Freund schickt Grüße aus dem Urlaubsort, ob nah oder fern.
Tina Willms schreibt darüber, dass sie bisweilen sogar das Gefühl hat, eine Postkarte aus dem Himmel zu erhalten.
Mit ihren Gedanken möchte ich Sie in diesen Sommermonaten grüßen.
Sie schreibt:

Himmelspostkarte

Manchmal habe ich das Gefühl, eine Postkarte aus dem Himmel zu erhalten.
Zum Beispiel an diesem Abend am Meer: Ich gehe mit nackten Füßen am Wasser entlang.
In den Ohren das Rauschen und über dem Horizont ein roter Feuerball: die Sonne.
Ihre Farben brechen sich in jeder Welle, die auf dem Strand ausläuft.
Ich bleibe stehen und schaue zu, wie sie langsam im Meer versinkt.
Eigentlich ist es ja gar nicht so, überlege ich. Nicht die Sonne versinkt im Meer. Sondern die Erde dreht sich unter ihr weg.
Im genau richtigen Abstand, sodass Leben entstehen konnte.
Wie viele Planeten, wie viele Sterne gibt es, auf denen nur Staub und Steine sind. Die nichts sind als große Murmeln auf dem Weg durch das All.
Die Erde aber ist wie gemacht für das Leben. Mit Wasser, Sonnenlicht, Pflanzen und Tieren.
Und uns.
Alles ist da, was wir brauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Zufall ist.
Ich atme die salzige Luft ein und schaue zu, wie Himmel und Wolken sich färben.
Noch malen die Wellen glitzernde Muster auf den Strand. Und am Spülsaum entdecke ich eine herzförmige Muschel.
Ein Wunder ist diese Erde, die sich unter der Sonne dreht. Mit allem, was auf ihr ist. Auch mit mir. Mir wird fast schwindelig, wenn ich darüber nachdenke.
Plötzlich fühle ich mich klein an diesem Abend am Meer. Und doch auf eine seltsame Weise geborgen.
Was ist der Mensch?, frage ich mich. Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst?
Unvorstellbar groß muss dieser Gott sein, der das All erschaffen hat. Und doch hält er die Welt behutsam in seinen Händen.
Wunderbar, auf seiner Erde leben zu dürfen. Einer unter Milliarden Menschen. Und doch einzigartig.
Geliebt von diesem großen Gott.
Er erinnert sich an uns.
An jeden einzelnen und jede einzelne.
Und zuweilen, da schickt er uns einen Gruß aus seiner Ewigkeit.
Ich denke an dich, steht an diesem Abend auf meiner Himmelspostkarte.
Danke, schreibe ich mit dem Fuß in den Sand. Und hoffe, dass das unermüdliche Meer meine Antwort hinter den Horiozont trägt.

Tina Willms

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen und gesegneten Sommer.

Herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2022 06 - Johannes 15 Vers 5

Liebe Leserinnen und Leser,

angesichts des Krieges in der Ukraine wird vielen von uns bewusst, wie gut es uns geht.
Wir müssen unser Land nicht verlassen, wir leben im Frieden und müssen nicht wochenlang in U-Bahnschächten oder Kellern ausharren, um dann unser Haus völlig zerstört vorzufinden.
Auch wenn wir nicht wissen können, ob uns der Frieden erhalten bleibt, lehren die Bilder des Krieges in vieler Hinsicht Dankbarkeit und auch Bescheidenheit.

„Wenn ich sehe, wieviel Leid über viele Menschen hereingebrochen ist, bin ich zufrieden, dann will ich gar nicht mehr, dann will ich auch gar nicht jammern oder mich beklagen…“

Und doch… manchmal kann auch der Blick auf das Schicksal anderer Menschen die eigene Unzufriedenheit nicht völlig beseitigen.
Andere scheinen manchmal glücklicher zu sein als ich selbst, scheinen das Leben mehr auszukosten, mehr zu erleben…
Es gibt seit einiger Zeit eine Bezeichnung für diese Lebenshaltung, sie heißt FOMO (Fear Of Missing Out).
Das ist die Angst, etwas zu verpassen, nicht genügend vom Leben mitzubekommen.
Es ist wohl auch die Angst, nicht glücklich genug zu sein.

Aber was ist Glück?
Geht es beim Glück um tolle spektakuläre Erlebnisse und auch um die Menge und Vielfalt dieser Erlebnisse?
Geht es um äußerliche Perfektion und Glanz?
Geht es um das, was auf den Fotos zu sehen, die ich dann poste: Eine atemberaubende Kulisse mit strahlenden Menschen davor?

Neulich in Italien hat mir jemand gesagt, dass Glück für ihn gleichbedeutend sei mit fecondità.
Fecondità heißt Fruchtbarkeit.
Mein Gegenüber hat mir dann auch noch genauer erklärt, wie diese Fruchtbarkeit zu verstehen sei:
Ich gebe das, was in mir ist, weiter an andere.
Jeder Mensch hat viele Talente und Schätze in sich.
Jeder und jede von uns ist ein wunderbares Wesen.
Und andere Menschen mit unserem eigenen Wesen zu bereichern, ihnen gut zu tun, mit ihnen unsere Stärken zu teilen, das ist Fruchtbarkeit.
Manchmal spürt man es ja auch tatsächlich, dass etwas ‚herausgeht‘ aus mir selbst zu jemand anderem und ihn oder sie berührt, ihm hilft oder ihr gut tut.
Oder jemand anderes teilt etwas mit mir, was für mich sehr kostbar wird.
Das ist fecondità, Fruchtbarkeit, und ich glaube, in dem Moment, in dem sie spürbar wird, bin ich glücklich.

Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht (Johannes, 15, 5).

Ich wünsche Ihnen allen einen wunderbaren Sommer.

Herzlichst
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2022 04 - Matthaeus 28 Vers 20

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir leben in sehr ungewissen Zeiten.

In der Pandemie haben wir uns vielfach daran gewöhnt, Pläne unter Vorbehalt zu machen:
Ich plane erst einmal meine Feier oder diese Reise, aber es kann sein, dass alles wieder kurzfristig abgesagt werden muss.
Wer weiß, wie zu dem Zeitpunkt die Inzidenzen sind, wer weiß welche Regelungen dann gelten und überhaupt: ob ich dann gesund bin.
Die Pandemie hat uns Flexibilität gelehrt, und auch die Einsicht, die eigentlich in allen Zeiten gilt: dass es nicht nach meinen Plänen und Wünschen geht, dass ich selbst nicht alles oder sogar gar nichts in der Hand habe, sondern dass alles Gelingen in einen größeren Zusammenhang eingebunden ist.

Jetzt leben wir in den Zeiten des russisch-ukrainischen Krieges, der das Lebensgefühl vieler Menschen hier sehr verändert hat.
Auf einmal macht sich Angst breit vor einer möglichen Ausweitung, auch wenn die Vernunft sagt, dass das nicht passieren wird.
Und wir sehen all die Menschen auf der Flucht, von denen manche schon in unserer unmittelbaren Nachbarschaft angekommen sind.
Sie stellen uns vor Augen, dass nichts selbstverständlich ist, dass wir von einem Moment auf den anderen fast alles verlieren können.

Wir wissen nicht, was morgen ist.

Die Menschen, die sich aus der Ukraine auf die Flucht begeben haben und mittlerweile irgendwo angekommen sind, wissen nicht, wann oder sogar, ob sie wieder nach Hause zurückkehren können.

Die Zukunft ist ungewiss.

Sie ist es aber nicht nur im Moment in diesen Krisenzeiten, sondern immer, für jeden Menschen.
Auch für uns, die wir - im Moment jedenfalls – im Frieden leben.

Mich hat ein Gedanke einer Rabbinerin sehr berührt, die gesagt hat:
In allem, was wir nicht wissen, wissen wir doch dies: wir können lieben und wir können segnen. Ja, ich weiß nicht, was morgen ist, aber heute habe ich die Chance, meine Liebe zum Ausdruck zu bringen und für andere ein Segen zu sein.

Ich würde diesen Gedanken noch ergänzen durch einen anderen, den wir auch wissen: dass Gott, der uns zu Ostern in der Auferstehung Jesu gezeigt hat, dass das Leben stärker ist als der Tod, bei uns ist an jedem neuen Tag, egal was passiert.

So hat Jesus gesagt: Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Welt (Matthäus 28, 20).

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passions- und Osterzeit.

Herzlichst
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2022 02 - Psalm 31 Vers 16a

Meine Zeit steht in deinen Händen (Psalm 31, 16a)

Liebe Leserinnen und Leser,

wieder ein Jahr.
Schon wieder liegt ein Jahr hinter uns und ein Neues beginnt schon wieder, ein Gesicht zu bekommen.
Ich schreibe diese Andacht in der dritten Kalenderwoche, und wenn Sie sie lesen, liegt der Januar sicherlich hinter uns.
Die Zeit rast.
Auch ich gehöre schon seit Längerem zu denen, für die gefühlt jedes Jahr schneller vergeht.
Der Kalender ist auch schon wieder gefüllt, und wenn Corona es zulässt, dann wird es viele Veranstaltungen und Termine geben, die sich aneinanderreihen und für die im Nachhinein oft zu wenig Zeit bleibt, um sie Revue passieren zu lassen und noch einmal zu betrachten.
Die Zeit rast, auch in diesem Jahr wird vieles passieren, wird sich vieles ereignen und oft habe ich, haben wir den Eindruck, nicht hinterherzukommen.
Es geht zu schnell.
Aber neben dem Gefühl der vorbeirasenden Zeit bewegt mich und vielleicht auch manche unter Ihnen noch etwas Anderes mit dem Blick auf die Zeit:
Wie wird das Jahr werden?
Wird das, was ich da erlebe schön?
Oder wird es schwer?
Ich mache mir Sorgen, weil ich unsicher bin, weil ich nicht weiß, ob alles gut geht.

Vor Kurzem habe ich einen Gedanken von Friedrich Schleiermacher gefunden, der beides im Blick hat: den Flug der Zeit und meine Sorgen hinsichtlich der Zukunft.
Schleiermacher sagt:
Sorge nicht um das, was kommen wird, weine nicht um das, was vergeht.
Aber sorge, dich selbst nicht zu verlieren und weine, wenn du dahintreibst im Strome der Zeit, ohne den Himmel in dir zu tragen.
Diesen Gedanken Schleiermachers finde ich wunderbar und er regt dazu an, mich selbst, mein Leben neu zu betrachten.
Was erwarte ich von meiner Lebenszeit, was will ich von meiner Vergangenheit oder meiner Zukunft.
Will ich die Zeit festhalten (Vergangenheit) oder will ich sie im Griff haben (Zukunft)?
Weder das eine noch das andere ist möglich, weil meine Zeit die Gegenwart ist.
Die Gegenwart ist meine Zeit und in ihr gilt es, zu leben, ganz und gar da zu sein, mich nicht zu verlieren.
Wenn ich mich da verliere, in ihr nicht feststehe, sondern in den Strudel der Zeit, der Gestaltung der Zukunft oder dem Klammern an alte Zeiten gerate, dann ist das ein Grund zu weinen.
Die Gegenwart ist meine Zeit.
Sie gilt es zu leben und zu gestalten.
Der Himmel ist dabei nicht nur über mir, sondern er kann auch in mir sein.
Wir kommen von Weihnachten, dem Fest, an dem das göttliche Licht unser Herz erreichen kann, an dem der Himmel zu uns kommt.
Wie wird das Jahr werden, wenn ich den Himmel in mir trage?
Wie kann ich meine Gegenwart mit dem Himmel in mir leben?

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen und seinen Himmel über und in Ihnen in den vor uns liegenden Monaten Februar und März des Neuen Jahres.

Herzlichst,
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2021 12 - Matthäus 21, 9b

Hosianna, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn! (Matthäus 21, 9b)

Liebe Leserinnen und Leser,

im Advent erwarten wir die Ankunft Jesu in unserer Welt. Wir erwarten, dass er Einzug hält in unsere Welt, so wie er damals zum Passafest nach Jerusalem eingezogen ist.
Daher ist die Geschichte von Jesu Einzug auch eine Adventsgeschichte.
Was passiert da?

Jesus bleibt auf dem Berg vor der Stadt stehen und bittet die Jünger, ihm zwei Esel zu bringen, damit er einreiten kann.
Merkwürdig… Warum braucht Jesus eigentlich zwei Tiere. Er kann doch nur auf einem reiten?
Nun, ich stelle mir vor, wie er einzieht: Er sitzt auf dem Esel und daneben läuft ein zweites Tier, ohne Reiter, ohne Reiterin.
Der Platz neben Jesus ist frei. Er lässt Platz neben sich, man darf ihm nahekommen, mit ihm unterwegs sein.
Aber wie ist das?
Wenn man in Jesu Nähe ist, bietet er sich als role model an, als Modell, als Vorbild.

Lernen am Modell: Ich kann mich an ihm orientieren, ich kann lernen, es genauso zu machen wie er.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir gefällt diese Lernweise am Modell immer wieder.
Wenn mich jemand wirklich überzeugt, wenn ich jemanden als Vorbild entdecke, dann übernehme ich gern und oft sogar nicht so bewusst, das was er oder sie tut.

Die ersten Rollenmodelle in unserem Leben sind ja unsere Eltern.
Dass ich, dass wir vieles ganz genauso machen wie unsere Mutter oder unser Vater gemacht hat, kann jeder und jede bis ins hohe Alter verfolgen.
Wie ich mit den kleinsten Dingen des Alltags umgehe, das mache ich so, weil ich es so gelernt habe, weil ich nichts anderes gelernt habe in meiner Kindheit.
Wie wurde zu Hause miteinander gesprochen?
Welche Gefühle hatten einen Platz?
Haben die Eltern Wut oder Traurigkeit gezeigt?
Haben sie sich gegenseitig oder auch die Kinder ermuntert oder bestärkt?
Gab es Lob, gab es Dank?
Wie gingen sie mit bevorstehenden Ereignissen um, wie mit Planungen oder Aufgaben?

All das schaut ein Kind sich ja erst einmal ab, es kennt keinen anderen Weg und wenn ich, wenn wir uns heute manchmal fragen: Wieso mach ich das eigentlich so, wieso mache ich das nicht so, wie andere es machen würden oder von mir erwarten?
Warum gerate ich in Konflikt mit anderen mit meinen Strategien, warum regen sie sich darüber auf?
Dann finde ich die Antwort erst einmal in meinen Rollenmodellen: Ich habe es so gelernt, es sitzt tief in mir drin.
Aber wenn ich mir das dann bewusst gemacht habe, dann kann ich damit umgehen, kann es ändern, wenn ich will. Oder auch nicht.

Jesus ist ein role model, ein Rollenmodell, ein Vorbild.

Welche Eigenschaften hat er?
Er ist sanftmütig und reitet auf einem Esel.
Dieses „sanftmütig“ hat im Griechischen verschiedene Facetten … friedlich, freundlich, gewaltlos, mild … das alles beinhaltet das Wort.
Oder so wie es das bekannte Adventslied beschreibt: Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit, all unsere Not zum End er bringt.

Jesus als Rollenmodell: friedlich, sanftmütig, barmherzig, gerecht … dies und alles Andere fasziniert mich an ihm und hat es schon mein Leben lang getan.
Vor allem auch seine Haltung, dass bei ihm wirklich alle willkommen sind, und keiner hinausgestoßen wird.

Wie sehr widerspricht diese Haltung Jesu oft den Regeln dieser Welt!
Es ist gut, dass es jedes Jahr Advent wird und Jesus mir, uns jedes Jahr den Platz auf dem Esel neben sich anbietet, um von ihm zu lernen und mir ihn immer mehr als Vorbild zu nehmen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents und Weihnachtszeit und und einen friedvollen Übergang ins Jahr 2022,

herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2021 08 - Psalm 139 Verse 1 und 2

Herr, du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder liege, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken von ferne (Psalm 139, 1 und 2).

Liebe Leserinnen und Leser,

als ein großes Geschenk empfinde ich die Menschen, die meine Gedanken von ferne zu verstehen scheinen.
Vielleicht geht es Ihnen auch so, dass Sie oft denken: das muss ich jetzt unbedingt ihr oder ihm erzählen. Sie oder er wird mich verstehen.
Manche, wenige Menschen sind mir möglicherweise seelenverwandt.
Sie ‚ticken‘ ähnlich wie ich selbst, aber es ist noch mehr: Es ist eine Verbundenheit in der Tiefe, ein genaues Wissen, um was es dem anderen oder der anderen geht.

Im Gegensatz dazu scheine ich mich bei anderen wiederum immer wieder erklären zu müssen. Er oder sie scheint mich nicht zu verstehen, scheint mir auch nicht zu glauben.

Sehr extrem ist dies im Gerichtssaal zu erleben.
Ein Richter oder eine Richterin konzentriert sich oft auf eine bestimmte Begebenheit und benötigt gefühlt Stunden, um diese zu erforschen und sich dann ein Urteil zu bilden.
Aber kann er oder sie wirklich beurteilen, was in mir vorgeht und wie ich es meine?
Schon allein, wenn er oder sie die Antworten der Angeklagten oder des Zeugen wiederholt, scheint es nicht dem zu entsprechen, was wirklich gemeint ist.
Ich bin wirklich ausgeliefert vor Gericht.
Ich muss mich darauf verlassen, wie ein anderer Mensch mich beurteilt, aber eigentlich kann ich mich nicht darauf verlassen.
Denn nicht alle Menschen verstehen mich wirklich, sondern oft gibt es auch tiefe Missverständnisse.
Menschen beurteilen mich anders als ich wirklich bin.

„Vor Gericht und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.“ So lautet ein Sprichwort.
Aber zum Glück sind wir dort in Gottes Hand, in der Hand dessen, der uns besser kennt und versteht als jeder Mensch und dem wir unsere Wege deshalb anvertrauen können, egal was passiert.
Es ist gut, überall dort, wo wir uns ausgeliefert oder missverstanden fühlen, einfach alles loslassen zu können und mir zu sagen: Einer weiß es und das reicht.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Sommertage!

Herzlichst, Ihre
Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2021 04 - Lukas 24 Vers 31

Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. (Lukas 24, Vers 31)

Liebe Leserinnen und Leser,

diese Andacht schreibe ich unmittelbar nach dem Bund-Länder-Gipfel, als dessen Ergebnis ein harter Osterlockdown stand.
In diesem Zusammenhang gab es auf dem Gipfel den Beschluss, an die religiösen Gemeinschaften heranzutreten mit der Bitte, über Ostern nur Videogottesdienste abzuhalten.
Noch ist nicht klar, wie sich die Kirchenleitung und unser Kirchenvorstand zu dieser Frage verhalten wird.
Es ist eine Gratwanderung, diese Entscheidung, zwischen der Solidarität, die wir als Kirche mit allen von Schließungen Betroffenen zeigen wollen, und dem Bedürfnis, den Menschen die Osterbotschaft zu sagen.
Solidarität zu zeigen mit all jenen, die existenziell, physisch und psychisch unter dieser Pandemie leiden, halte ich für geboten.
Aber das Andere gilt auch: Ich finde es sehr deprimierend und entmutigend, wenn wir jetzt schon das zweite Jahr in Folge keine Karfreitags- und Ostergottesdienste haben.
Gerade die Osterbotschaft ist doch das, was wir Menschen jetzt brauchen, in einer Welt, die mir sowohl im Großen wie auch im Kleinen an vielen Stellen so dunkel erscheint.
Ostern kann doch Hoffnung und Licht in unsere Herzen senden, die oft so gebeutelt sind, weil wir so viel Trauriges und Unbegreifliches erleben.
Und es ist die Hoffnung, die hineinbrechen kann in die Welt, über die sich die Pandemie nun schon so lange wie eine Glocke gelegt hat.

Während ich dies schreibe, spüre ich, wie sich mir die Fragen aufdrängen:
Was für eine Hoffnung ist es eigentlich genau, die ich uns zum Osterfest zusprechen kann?
Was können wir hören, was prallt nicht an uns ab als leere Worthülsen, was kann mich tief in meinem Innern erreichen?
Verzweiflung und Zweifel, Wut und Traurigkeit schwingen noch in mir nach, wenn ich an das Schicksal mancher Menschen denke:
Wo ist der Gott des Lebens, der nicht verhindern konnte, dass Menschen in ihrer Blüte oder viel zu lange vor der Zeit so unheilbar krank werden und sterben müssen?
Wo ist der Auferstandene, der nicht eingreifen kann, dass Menschen sich in so vielen Regionen auf der Welt gegenseitig bekriegen und junge Menschen, die sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen – wie in Myanmar – nicht beschützt, sondern einfach der Willkür und der Gewalt ausliefert?

Fragen, die zermürben und uns auf Gott wütend werden lassen.
Denn an diesen Stellen, an denen er doch präsent sein sollte, ist er nicht.
Er ist oft anders, als ich ihn mir wünsche.
Das Leid im Großen wie im Kleinen ist Kennzeichen unserer Welt und es wird es geben, solange die Erde steht.
Das heißt aber nicht, dass Gott nicht da wäre.
Nur: Er ist anders da, als wir ihn uns vorstellen, und oftmals erkennen wir ihn nicht.

Unsere Kirche in Schwalenberg spricht auf dem schönen Bild im Chorraum davon, dem Bild von den Emmausjüngern.
Da gehen zwei Freunde Jesu nach seiner Kreuzigung und Grablegung spazieren, noch voller Traurigkeit, dass sie ihren Freund verloren haben.
Auf ihrem Weg gesellt sich jemand zu ihnen, den sie nicht kennen.
Als sie ihn mit zu sich zum Abendessen nehmen, erkennen sie auf einmal an der Art, wie er das Brot bricht, dass es Jesus ist!
Er lebt!
Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn, sagt die Bibel.
Ich glaube, das ist Ostern.
Mitten am Tag, oder auch in einer schlaflosen Nacht kann es passieren, dass meine Augen geöffnet werden und ich erkenne:
Gott, du bist bei mir! Es gibt dich wirklich! Du bist da! Du hast mir geholfen heute.
Oder: ich vertraue darauf, dass ich diesen oder den nächsten Schritt mit deiner Hilfe schaffe.
Und manchmal erkenne ich auch noch was Anderes: Gott, du lebst und auch ich selbst werde leben, auch wenn ich sterben muss.

Gesegnete Ostern wünsche ich Ihnen allen.
Herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier