Andachten

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier

„Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut“ (Matthäus 2,10)

Liebe Leser und Leserinnen,

in diesen eiskalten Winternächten ist der Himmel ja oft sternenklar.
Auch wenn ich nicht - wie die drei Weisen auf dem Weg zum Stall von Bethlehem - einen bestimmten Stern suche, so kann ich ihre Freude doch nachvollziehen.
Vielleicht kennen Sie das auch: Sie gehen noch mal raus etwas später am Abend, zum Briefkasten oder mit dem Hund, und finden sich dann unter dem sternübersäten Himmel wieder.
Es ist ein Erstaunen, es ist Ehrfurcht vor der Größe der Schöpfung und natürlich auch Freude über ihre Schönheit.
Die drei Weisen sind hocherfreut, als sie den Stern sehen, weil sie nun die Richtung wissen, in die sie gehen müssen, um das Kind zu finden.
In meiner Freude beim Anblick des Sternenhimmels fühle ich mich den Weisen nahe. Wie sie weiß ich mich in einen größeren Zusammenhang gestellt, wie sie erahne ich beim Betrachten der Sterne die Größe Gottes und seine Bedeutung für mein Leben. In den „Sternstunden“, von denen ich uns allen im Neuen Jahr die eine oder andere wünsche, wird es wohl am stärksten deutlich. Sternstunden sind Momente, Augenblicke, oft gar nicht mal ganze Stunden, die meiner eigenen Gestaltung völlig entzogen sind: Ich hatte vielleicht etwas geplant, ganz normal, und dann kommt plötzlich etwas Anderes, mehr, etwas Besseres, Schöneres, mit dem ich nicht gerechnet habe! Vollkommen geschenkt.

Die Weisen sind hocherfreut, als sie den Stern sehen.
Sie erleben eine Sternstunde.
Was geschieht in dieser Sternstunde mit ihnen? Sie finden den Ort, an dem Jesus geboren wird. Sie finden den Weg zu anderen Menschen, zu Maria, Josef und dem Kind. Der Stern ermöglicht ihnen eine Begegnung, die sie prägen wird.
Ja, es sind doch zumeist Begegnungen, die uns eine Sternstunde verschaffen, oder? Und die Art der Begegnung vielleicht auch: Vielleicht hatte ich Ärger oder habe mir Sorgen gemacht, und dann schafft es eins der Kinder oder die Frau oder der Mann, eine ganz andere Stimmung in meinen Tag zu bringen. Oder ich rede mit jemandem und weiß: „Das vergess ich jetzt erst mal nicht. Denn das hat gut getan.“
Begegnungen werden in unserer Gesellschaft und unserer Welt von Tag zu Tag wichtiger. Denn die Begegnungen sind es, die dazu helfen, Ängste und Vorurteile abzubauen und die dazu beitragen, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit friedlich miteinander leben können.
Die Weisen lassen sich auf die Begegnung ein und gehen „auf einem anderen Weg“ in ihr Land zurück.
Begegnungen (und Sternstunden!) verändern und lassen uns andere Wege gehen, als wir zuvor geplant haben.
Die Weisen sind mir liebe Weggefährten, denn ich erkenne, dass ihre Wege ganz schön verschlungen sind: Erst gehen sie nach Jerusalem, ins Zentrum der Macht, dann ganz an den Rand nach Bethlehem. Und dann entscheiden sie sich, auf einem ganz anderen Weg als zuvor nach Hause zurückzukehren. Verschlungene Wege: weiß ich, wissen wir, wie meine, unsere Wege in 2017 verlaufen?
Tröstlich ist, dass die Weisen trotzdem zum Ziel kommen, auch auf einem anderen Weg! Sie gelangen wieder in ihr Land zurück. Ist das nicht ungeheuer beruhigend: Auch zu den verschlungensten Wegen gehört ein Ziel, und ich, wir kommen dahin!

In diesem Sinne grüße ich Sie und wünsche Ihnen für alle Wege in 2017 die Gewissheit, dass ein Stern Sie leitet.
Herzlichst Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (12/16)

Vergisst etwa eine Mutter ihren Säugling? Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet (Jesaja 49,16.17)

Liebe Leserinnen und Leser,

schon bald nach Erscheinen dieses Gemeindebriefes feiern wir Weihnachten.
Das ist nicht zu fassen: Schon wieder ein Jahr!
Im Moment in dieser - zwar vom Wetter her noch hellen- aber doch eher besinnlichen Zeit des November denke ich besonders an alle, bei denen im vergangenen Jahr etwas Schweres passiert ist: vielleicht kam die Diagnose einer schweren Krankheit, vielleicht ist eine Beziehung zerbrochen oder ein lieber Mensch gestorben. Oder vielleicht wollen die Sorgen um einen lieben Menschen nur einfach nicht weichen.

In all diesen Fällen ist Weihnachten dann anders.
Gott kommt auf die Welt. Doch liegt nicht die Frage nahe: Kommt er wirklich auch zu mir? Menschen, denen es schlecht geht, fragen sich oft, ob Gott sie vergessen hat. Was soll er denn auch noch mit meinem Leben zu tun haben, in dem ich es so schwer habe?

„Gott, du hast uns vergessen“ beklagen sich auch die Israeliten in einer ausweglosen Situation.
Aber als diese Klage ertönt, da mischt Gott sich ein. Da muss er sich zu Wort melden. Diese Beschwerde kann er nicht auf sich sitzen lassen Und er fährt ganz schön was auf. Er bringt den Gedanken, gegen den am schwersten etwas einzuwenden ist: Den Gedanken an die Mutter, die ihr Kind niemals vergisst.

„Vergisst denn etwa eine Mutter ihren Säugling?“

Doch, doch, ab und an kommt auch das vor, wende ich ein, aber normalerweise sollte und will sie es ja nicht: Es muss ihr selbst schon sehr schlecht gehen, wenn sie das tut...

„Aber selbst dann, selbst dann wenn das geschehen sollte“, sagt Gott: „Ich aber, ich vergesse dich nicht!“

Und um es zu unterstreichen und um ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen, benutzt er nun eines der schönsten Bilder, die es in der Bibel gibt: Das Bild von der Hand.

„Siehe in die Hände habe ich dich gezeichnet“.

Siehe, in die Hände...

Die Hände eines Menschen ...mit den Händen mache ich so viele Dinge und sie erzählen von mir, von meinem Leben. Die Hände des Vaters, der Mutter, der Großmutter oder des Großvaters werde ich immer in Erinnerung behalten, selbst nach deren Tod. Ich weiß, wie sich anfühlen und ich weiß, in welchen entscheidenden Momenten sie mich berührt haben oder umgekehrt. An ihren Händen wurde ich selbst gehalten und an ihren Händen wurde ich ins Leben geführt.

„Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

Mit einem der stärksten Bilder für Nähe überhaupt, mit dem Bild der Hände greift Gott hier ein, um sich gegen den Vorwurf der Ferne und der Abwesenheit zu wehren. Denn auch am Ende des Lebens sind es die Hände. Dem Sterbenden die Hand zu halten, sie zu streicheln, das ist die Nähe bis zum Ende. Wenn alles andere weggebrochen ist, die Sprache und große Teile der Gefühlswelt, dann können die Hände immer noch sprechen.
Die Hände: wie gut, wie wohltuend auch, dass Gott hier so deutlich von seiner Körperlichkeit redet .Das kommt mir nahe. Dass Gott ein Mensch wird, dass er in einem Körper ist, der genauso lebendig, aber auch genauso verletzlich ist wie mein eigener, das ist das Geheimnis von Weihnachten.

Ich grüße Sie alle in dieser Advents-und Weihnachtszeit,
herzlichst Pfarrerin Margret Noltensmeier