Andacht 2021 08 - Psalm 139 Verse 1 und 2

Herr, du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder liege, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken von ferne (Psalm 139, 1 und 2).

Liebe Leserinnen und Leser,

als ein großes Geschenk empfinde ich die Menschen, die meine Gedanken von ferne zu verstehen scheinen.
Vielleicht geht es Ihnen auch so, dass Sie oft denken: das muss ich jetzt unbedingt ihr oder ihm erzählen. Sie oder er wird mich verstehen.
Manche, wenige Menschen sind mir möglicherweise seelenverwandt.
Sie ‚ticken‘ ähnlich wie ich selbst, aber es ist noch mehr: Es ist eine Verbundenheit in der Tiefe, ein genaues Wissen, um was es dem anderen oder der anderen geht.

Im Gegensatz dazu scheine ich mich bei anderen wiederum immer wieder erklären zu müssen. Er oder sie scheint mich nicht zu verstehen, scheint mir auch nicht zu glauben.

Sehr extrem ist dies im Gerichtssaal zu erleben.
Ein Richter oder eine Richterin konzentriert sich oft auf eine bestimmte Begebenheit und benötigt gefühlt Stunden, um diese zu erforschen und sich dann ein Urteil zu bilden.
Aber kann er oder sie wirklich beurteilen, was in mir vorgeht und wie ich es meine?
Schon allein, wenn er oder sie die Antworten der Angeklagten oder des Zeugen wiederholt, scheint es nicht dem zu entsprechen, was wirklich gemeint ist.
Ich bin wirklich ausgeliefert vor Gericht.
Ich muss mich darauf verlassen, wie ein anderer Mensch mich beurteilt, aber eigentlich kann ich mich nicht darauf verlassen.
Denn nicht alle Menschen verstehen mich wirklich, sondern oft gibt es auch tiefe Missverständnisse.
Menschen beurteilen mich anders als ich wirklich bin.

„Vor Gericht und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.“ So lautet ein Sprichwort.
Aber zum Glück sind wir dort in Gottes Hand, in der Hand dessen, der uns besser kennt und versteht als jeder Mensch und dem wir unsere Wege deshalb anvertrauen können, egal was passiert.
Es ist gut, überall dort, wo wir uns ausgeliefert oder missverstanden fühlen, einfach alles loslassen zu können und mir zu sagen: Einer weiß es und das reicht.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Sommertage!

Herzlichst, Ihre
Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2021 04 - Lukas 24 Vers 31

Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. (Lukas 24, Vers 31)

Liebe Leserinnen und Leser,

diese Andacht schreibe ich unmittelbar nach dem Bund-Länder-Gipfel, als dessen Ergebnis ein harter Osterlockdown stand.
In diesem Zusammenhang gab es auf dem Gipfel den Beschluss, an die religiösen Gemeinschaften heranzutreten mit der Bitte, über Ostern nur Videogottesdienste abzuhalten.
Noch ist nicht klar, wie sich die Kirchenleitung und unser Kirchenvorstand zu dieser Frage verhalten wird.
Es ist eine Gratwanderung, diese Entscheidung, zwischen der Solidarität, die wir als Kirche mit allen von Schließungen Betroffenen zeigen wollen, und dem Bedürfnis, den Menschen die Osterbotschaft zu sagen.
Solidarität zu zeigen mit all jenen, die existenziell, physisch und psychisch unter dieser Pandemie leiden, halte ich für geboten.
Aber das Andere gilt auch: Ich finde es sehr deprimierend und entmutigend, wenn wir jetzt schon das zweite Jahr in Folge keine Karfreitags- und Ostergottesdienste haben.
Gerade die Osterbotschaft ist doch das, was wir Menschen jetzt brauchen, in einer Welt, die mir sowohl im Großen wie auch im Kleinen an vielen Stellen so dunkel erscheint.
Ostern kann doch Hoffnung und Licht in unsere Herzen senden, die oft so gebeutelt sind, weil wir so viel Trauriges und Unbegreifliches erleben.
Und es ist die Hoffnung, die hineinbrechen kann in die Welt, über die sich die Pandemie nun schon so lange wie eine Glocke gelegt hat.

Während ich dies schreibe, spüre ich, wie sich mir die Fragen aufdrängen:
Was für eine Hoffnung ist es eigentlich genau, die ich uns zum Osterfest zusprechen kann?
Was können wir hören, was prallt nicht an uns ab als leere Worthülsen, was kann mich tief in meinem Innern erreichen?
Verzweiflung und Zweifel, Wut und Traurigkeit schwingen noch in mir nach, wenn ich an das Schicksal mancher Menschen denke:
Wo ist der Gott des Lebens, der nicht verhindern konnte, dass Menschen in ihrer Blüte oder viel zu lange vor der Zeit so unheilbar krank werden und sterben müssen?
Wo ist der Auferstandene, der nicht eingreifen kann, dass Menschen sich in so vielen Regionen auf der Welt gegenseitig bekriegen und junge Menschen, die sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen – wie in Myanmar – nicht beschützt, sondern einfach der Willkür und der Gewalt ausliefert?

Fragen, die zermürben und uns auf Gott wütend werden lassen.
Denn an diesen Stellen, an denen er doch präsent sein sollte, ist er nicht.
Er ist oft anders, als ich ihn mir wünsche.
Das Leid im Großen wie im Kleinen ist Kennzeichen unserer Welt und es wird es geben, solange die Erde steht.
Das heißt aber nicht, dass Gott nicht da wäre.
Nur: Er ist anders da, als wir ihn uns vorstellen, und oftmals erkennen wir ihn nicht.

Unsere Kirche in Schwalenberg spricht auf dem schönen Bild im Chorraum davon, dem Bild von den Emmausjüngern.
Da gehen zwei Freunde Jesu nach seiner Kreuzigung und Grablegung spazieren, noch voller Traurigkeit, dass sie ihren Freund verloren haben.
Auf ihrem Weg gesellt sich jemand zu ihnen, den sie nicht kennen.
Als sie ihn mit zu sich zum Abendessen nehmen, erkennen sie auf einmal an der Art, wie er das Brot bricht, dass es Jesus ist!
Er lebt!
Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn, sagt die Bibel.
Ich glaube, das ist Ostern.
Mitten am Tag, oder auch in einer schlaflosen Nacht kann es passieren, dass meine Augen geöffnet werden und ich erkenne:
Gott, du bist bei mir! Es gibt dich wirklich! Du bist da! Du hast mir geholfen heute.
Oder: ich vertraue darauf, dass ich diesen oder den nächsten Schritt mit deiner Hilfe schaffe.
Und manchmal erkenne ich auch noch was Anderes: Gott, du lebst und auch ich selbst werde leben, auch wenn ich sterben muss.

Gesegnete Ostern wünsche ich Ihnen allen.
Herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2021 02 - Psalm 106 Vers 1

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich. (Psalm 106, Vers 1)

Liebe Leserinnen und Leser,

"Ich wünsche dir wunderschöne Momente, die du sammeln kannst." So lautete ein Neujahrsgruß - eine Whatsapp Nachricht - eines Freundes.
Spontan musste ich schmunzeln, als ich diesen Wunsch las.
Die Formulierung war ein bisschen ungewöhnlich, aber sie begleitete mich dann den ganzen Neujahrstag und ich dachte darüber nach, was sie alles beinhalten könnte.
Zum einen hat mir der Absender wohl gewünscht, dass ich im Neuen Jahr eine Reihe von schönen Momenten haben sollte, die ich behalte, nicht vergesse, die so schön sind, dass sie es wert sind, "gesammelt" zu werden.
Aber eine andere Lesart gefiel mir besser.
Ich entschied mich den Neujahrsgruß als eine Anregung, als eine Empfehlung, einen Impuls zu verstehen in der Art: Du weißt ja, Du kannst wunderschöne Momente auch sammeln.
So wie manche Menschen unterschiedliche Dinge sammeln… so kann man sich auch eine Sammlung wunderschöner Momente zulegen.
Wunderschöne Momente lassen sich sammeln.
Schon immer wollte ich ein Dankbarkeitstagebuch führen, am Abend des Tages mindestens einen Moment hineinschreiben, der schön war.
Bislang hatte es nie geklappt, ich war zu träge, oder es war mir nicht wichtig genug.
Seit dem Neujahrsgruß des Freundes mache ich das.
Ich schreibe mindestens eine Erfahrung, ein Erlebnis, einen Moment des Tages auf, der schön war.
Manchmal sind es natürlich auch mehrere. Selten muss ich lange darüber nachdenken, um etwas zu finden.
Diese kleine Aktivität, die nur wenige Minuten in Anspruch nimmt, entfaltet eine große Wirkung.
Das ist das Überraschende daran und damit hatte ich gar nicht gerechnet.
In dem Augenblick, in dem ich schreibe, erlebe ich den Moment noch einmal und es ist mir alles gegenwärtig, was zu diesem Moment beigetragen hat: die Menschen, die Gedanken, die äußeren Umstände, die Ursachen,
…ein kleines Universum rund um den schönen Moment tut sich plötzlich auf! In dem Augenblick wird mir deutlich, wie reich mein (und unser aller Leben ist).

Danket, dem Herrn, denn er ist freundlich.
Gewissermaßen habe ich in diesem beginnenden Jahr die Strahlkraft des Dankens neu entdeckt.
Und damit hat sich ein ganzes Universum eröffnet.
Ich wünsche Ihnen im Neuen Jahr viele wunderschöne Moment, die Sie sammeln können.

Herzlichst, Ihre
Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2020 12 - 1 Könige 8 Vers 12

Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen (1. Könige 8, Vers 12)

Liebe Leserinnen und Leser,

Gott will im Dunkel wohnen.  
Das ist eine Liedzeile aus dem bekannten Adventslied von Jochen Klepper 'Die Nacht ist vorgedrungen.'
Klepper bezieht sich dabei auf eine tatsächliche Aussage Gottes im 1. Königebuch:
Obwohl Gott die Sonne gemacht hat, hat er aber gesagt, dass er im Dunkel wohnen wolle.  
Während ich diese Andacht schreibe, scheint die Novembersonne direkt auf meine Tastatur.
Aber lange wird sie dies nicht mehr tun, ich werde diese Arbeit erst beendet haben, wenn es schon dunkel ist.
Denn es ist die dunkle Jahreszeit, das Tageslicht ist knapp.

Die äußerliche Dunkelheit dieser Tage geht bei manchen Menschen mit einer inneren Dunkelheit einher.
Es gibt die Winterdepression, die mit mangelndem Licht zu tun hat.
Darüber hinaus ist in diesem Jahr sowieso alles anders:
Zwar wird es in der Vorweihnachtszeit wieder die hell erleuchteten Innenstädte geben, den Lichterglanz, der auf das bevorstehende Fest hinweist.
Aber sonst fällt so ziemlich alles aus, was normalerweise ganz eng mit der Adventszeit verbunden ist:
Die Weihnachtsmärkte landauf, landab, die Aufführungen der Kinder, die Adventsfeiern der Vereine, der Betriebe, der Senioren und Seniorinnen unserer Stadt.
Die Konzerte, die Musik. Es wird ein sehr stiller Advent.

Ein stiller Advent: im Trubel und in der Hektik der vergangenen Jahre oft herbeigesehnt, fühlt er sich jetzt merkwürdig an.
Es gibt für Menschen, die wenig soziale Kontakte haben, kaum mehr Begegnungsmöglichkeiten.
Die Isolation und Einsamkeit wächst.
Ist das die innere Dunkelheit, die zur äußeren dazu kommt?
Bei manchen unter uns vielleicht.
Aber auch wer viele Kontakte hat, kann einer inneren Dunkelheit manchmal nicht entfliehen:
Angst und Sorge lassen manchmal kein Licht am Horizont erkennen, sehen keinen Ausweg, lassen keine wirkliche Hoffnung zu.
Ja, ich glaube, das ist innere Dunkelheit, wenn ich das Licht der Hoffnung nicht mehr sehen kann.
Wenn ich einen Menschen oder mich selbst verloren gebe, an einen unglücklich verlaufenden Weg, an die Krankheit.
Oder wenn ich keine Hoffnung mehr für unsere Erde habe, wenn ich es für das Beste halte , keine Kinder mehr in die Welt zu setzen… Das ist Dunkelheit.  

Gott hat ausdrücklich betont, er wolle im Dunkel wohnen.
Was heißt das?
Ich kann es eigentlich nur mit einem Beispiel der äußeren Dunkelheit erklären:
Auf einem Kurztrip in den Norden gelangen wir nach einem Abend in der Stadt plötzlich in die Dunkelheit.
Unser Weg zurück zu unserem Quartier führt durch einen stockdunklen Park, ohne Straßenlaternen, ohne das Licht benachbarter Häuser.
Selbst der Weg ist nicht sofort erkennbar.
"Gut, dass ich hier nicht allein bin", denke ich. "Alleine würde ich das nicht schaffen".
Dadurch, dass wir zu zweit sind, ist meine Angst nicht weg.
Aber ich weiß, wir kommen da durch. Es wird einen Ausweg geben. Und es wird wieder irgendwann auch Licht zu sehen sein.
Diese Erfahrung, nicht allein, sondern in Begleitung eines anderen Menschen in die völlige Dunkelheit geraten zu sein, kann eine Verständnishilfe für Gottes Aussage sein, dass er im Dunkeln wohnen wolle.
Es geht jemand mit. Ich bin nicht allein.
Das nimmt mir meine Angst nicht komplett. Aber es lässt mich weitergehen. Und  ich weiß, ich komm da durch. Ich komme an mein Ziel.
Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu hat es einmal folgendermaßen formuliert:
Hoffnung ist die Fähigkeit zu erkennen, dass es Licht gibt – trotz aller Dunkelheit.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete und behütete Advents- und Weihnachtszeit in der Hoffnung auf ein gesundes Wiedersehen hier oder da im Neuen Jahr,
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2020 10 - Psalm 103 Vers 2

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht,  was er Dir Gutes getan hat (Psalm 103, Vers 2)

Liebe Leser*innen,  

neulich bekamen wir eine Einladung zu einer Hochzeit.  
Auf der Einladung war auch ein Foto des Paares: zwei junge Menschen am Strand, im  Hintergrund eine Düne mit Strandhafer.  
Die beiden lächeln die Eingeladenen glücklich an.
Immer wenn ich mir das Foto anschaue, ist es aber noch mehr: es ist auch der Blick in die Zukunft.
Diese beiden beginnen ihren gemeinsamen Weg.
Was wird ihnen alles auf diesem Weg begegnen?  

Ich schau mir das Foto gerne an und überlege dabei, wie es wäre, den gesamten Weg noch einmal vor sich zu haben.
Welche Chancen liegen in solch einem Anfang, welche Aufregung, welche freudige Erwartung!

Für viele unter uns liegt der Punkt, an dem sich das junge Paar befindet, schon mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte zurück.  
Wenn ich auf meinen Lebensweg oder auf meine Paar- oder Familiengeschichte zurückblicke, was fällt mir dann als Erstes ein?
Welche Gefühle nehme ich wahr? 
Steht mir als Erstes das vor Augen, womit ich unzufrieden bin und was ich gern anders gemacht hätte?
Beneide ich die beiden jungen Menschen um ihre Chance, die Fehler, die ich gemacht habe, vermeiden zu können? 
Wie steht es mit dem Guten?  
Wann fällt es mir ein? 
Wie lange muss ich darüber nachdenken, bis es mir vor Augen steht? 

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat, sagt der 103. Psalm in seinem 2. Vers.
Manchmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie wichtig diese Aufforderung ist.
Das Gute nicht vergessen.
Es gibt soviel Gutes im Blick auf die eigene Vergangenheit und vieles davon hat bis zum heutigen Tag Bestand und wirkt in meine Gegenwart hinein.
Nicht vergessen: ich will mich nicht herunterziehen lassen von dem, was ich eventuell falsch gemacht habe, bereue und was ich nicht mehr rückgängig machen kann.
Auf das Gute will ich schauen, es pflegen, achten und wertschätzen.
Ich will nicht zulassen, dass es überdeckt wird von den Dingen, die mich unzufrieden machen.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht , was er dir Gutes getan hat:
wenn ich mir die Bilder des Guten, das mir in der Vergangenheit schon begegnet ist, vor Augen stelle, wirken sie in die Zukunft hinein: sie bilden und stärken ein Vertrauen in mir, dass Gott, der mir schon viele Gutes getan hat, es auch in Zukunft tun wird.

In diesem Sinne grüße ich Sie alle, herzlichst Ihre  
Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2020 08 - Psalm 36 Vers 7b

Herr, du hilfst Menschen und Tieren (Psalm 36, Vers 7b)

Liebe Leser*innen,

am Sonntag, nachdem es im Rhedaer Großschlachtbetrieb Tönnies zu dem Massenausbruch an Covid 19-Neuinfektionen gekommen war, haben wir dieses Psalmwort im Gottesdienst gelesen.
Es war für den betreffenden Sonntag vorgesehen.

Ich hatte den Eindruck, dass dieses Wort wirklich gut zu der aktuellen Situation passte.

Natürlich, und so sieht es auch jetzt noch mehr als eine Woche später aus: Erstmal scheint natürlich wirklich niemandem so richtig geholfen mit diesem Skandal.

In den Kreisen Gütersloh und Warendorf wurden sofort wieder alle Schulen geschlossen und mittlerweile gibt es einen Lockdown.
Urlauber*innen aus den betroffenen Kreisen dürfen zum Teil nicht in andere Gebiete reisen oder werden gar wieder vom Urlaubsort verwiesen.
Ein Riesenskandal, nachdem sich die Zahlen der Infizierten in den vergangenen Wochen so schön stetig nach unten bewegt hatten.

Erstmal scheint niemandem geholfen. Aber dann doch.
Der Skandal bringt endlich die unhaltbaren Zustände in der fleischverarbeitenden Industrie ganz deutlich ans Licht.
Es wird sich jetzt etwas verändern, für die Arbeiter*innen aus Bulgarien und Rumänien mit ihren prekären Arbeitsverträgen und den unwürdigen Unterkünften.
Und wenn sich in dieser Hinsicht etwas ändert, wird sich das hoffentlich auswirken auf die Art der Fleischproduktion und somit auf die Tiere.

Menschen und Tiere gehören zusammen, lese ich aus dem Psalm und ich finde gut, dass die Bibel das auch so sieht.
Natürlich geht es nicht darum, Tiere zu vermenschlichen und sie als ‚Liebesersatz‘ zu missbrauchen.
Ebenso ist es himmelschreiend, wenn Menschen – und da sagen wir manchmal ‚wie Tiere‘ – in unwürdigen Verhältnissen leben.
Es gibt Unterschiede zwischen beiden und trotzdem können die einen nicht ohne die anderen.
Sie gehören zusammen und sie hängen zusammen.

Gott, du hilfst Menschen und Tieren: die Tiere scheinen einen unmittelbaren Vorteil aus der Krise zu ziehen: Delphine tauchen plötzlich da auf, wo früher Kreuzfahrtriesen angelegt haben.
Vögel genießen ihre Freiheit, ohne durch die großen, von Menschen gemachten ‚Vögel‘ gestört zu werden.
Sicherlich werden auch Sie in diesem Frühjahr und Sommer vieles beobachtet haben in der Tierwelt, was anders war, ‘besser‘ als in den Jahren zuvor.
Menschen und Tieren: Wo ist die Hilfe für uns Menschen?
Zunächst scheint es sehr sehr schwer zu werden und wir werden noch lange an den Folgen dieser Krise zu tragen haben.
Trotzdem vertraue ich darauf, dass Gott uns Menschen helfen wird, langfristig, denn er hilft Menschen und Tieren.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sommer, in dem Sie immer wieder erkennen können, dass Gott seine ganze Schöpfung im Blick hat.

Herzlichst Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2020 06 - Rabinadath Tagore

Ich sprach zu dem Baum:
Sprich zu mir von Gott.
Und er blühte.
(Rabinadath Tagore)

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Wort von Tagore hat mich in der letzten Zeit sehr bewegt.
Gerade jetzt, da es durch den Lockdown an manchem schönen Frühlingsabend die Gelegenheit gab, in die Natur zu gehen und all die herrliche Blütenpracht zu bestaunen, kann ich dem Dichter aus ganzem Herzen beipflichten.
Dieser Überschwang der Natur, der Blütenschaum und die Fülle der Farben… das ist für mich wie eine Botschaft Gottes, eine Weise, wie er durch die Schönheit der Schöpfung zu uns spricht.

Die Aufforderung Tagores an den Baum ist ja, von Gott zu reden.
Der Baum folgt dieser Aufforderung sofort, indem er sich ein Blütenkleid zulegt.
Diese Unmittelbarkeit der Antwort, aber auch das Überraschende dabei, das beeindruckt mich sehr an diesem Wort.
Der Baum muss nicht um eine Antwort ringen, er muss nicht erst bestimmte Positionen abwägen, sondern die Antwort kommt unmittelbar und spontan.
Und sie ist eine Antwort, die vom Leben, von der Schönheit und von der Kraft der Verwandlung erzählt.

Ich glaube, dass wir Menschen dem Baum sehr ähnlich sein können.
Im übertragenen Sinne fangen wir wahrscheinlich auch an zu blühen, wenn wir versuchen, uns auf die göttliche Kraft in uns zu besinnen und im Vertrauen auf sie zu leben.
In diesen schwierigen Zeiten der Corona-Pandemie setzen sich viele Menschen mehr als je für diejenigen ein, die ihre Hilfe brauchen.
Wieviel Kreativität habe viele Menschen entwickelt, wieviel Phantasie und wieviel Einsatzbereitschaft, um in diesen Zeiten zusammen zu stehen und auch diejenigen zu unterstützen.
Manche Menschen sind - so habe ich es erlebt – gerade in diesen Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes erblüht und haben Kräfte entwickelt und mobilisiert, von denen sie sicherlich zuvor gar nicht wussten, dass sie diese haben.
Kreativität… das sind die schöpferischen Kräfte in uns, von denen viele von uns sagen können, dass es unser göttlicher Ursprung ist, der sie zum Blühen bringt.

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie weiterhin gut und verschont vom Virus durch diese Zeit hindurchkommen und freue mich auf jedes Wiedersehen.

Herzlichst Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier