Andacht 2020 10 - Psalm 103 Vers 2

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht,  was er Dir Gutes getan hat (Psalm 103, Vers 2)

Liebe Leser*innen,  

neulich bekamen wir eine Einladung zu einer Hochzeit.  
Auf der Einladung war auch ein Foto des Paares: zwei junge Menschen am Strand, im  Hintergrund eine Düne mit Strandhafer.  
Die beiden lächeln die Eingeladenen glücklich an.
Immer wenn ich mir das Foto anschaue, ist es aber noch mehr: es ist auch der Blick in die Zukunft.
Diese beiden beginnen ihren gemeinsamen Weg.
Was wird ihnen alles auf diesem Weg begegnen?  

Ich schau mir das Foto gerne an und überlege dabei, wie es wäre, den gesamten Weg noch einmal vor sich zu haben.
Welche Chancen liegen in solch einem Anfang, welche Aufregung, welche freudige Erwartung!

Für viele unter uns liegt der Punkt, an dem sich das junge Paar befindet, schon mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte zurück.  
Wenn ich auf meinen Lebensweg oder auf meine Paar- oder Familiengeschichte zurückblicke, was fällt mir dann als Erstes ein?
Welche Gefühle nehme ich wahr? 
Steht mir als Erstes das vor Augen, womit ich unzufrieden bin und was ich gern anders gemacht hätte?
Beneide ich die beiden jungen Menschen um ihre Chance, die Fehler, die ich gemacht habe, vermeiden zu können? 
Wie steht es mit dem Guten?  
Wann fällt es mir ein? 
Wie lange muss ich darüber nachdenken, bis es mir vor Augen steht? 

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat, sagt der 103. Psalm in seinem 2. Vers.
Manchmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie wichtig diese Aufforderung ist.
Das Gute nicht vergessen.
Es gibt soviel Gutes im Blick auf die eigene Vergangenheit und vieles davon hat bis zum heutigen Tag Bestand und wirkt in meine Gegenwart hinein.
Nicht vergessen: ich will mich nicht herunterziehen lassen von dem, was ich eventuell falsch gemacht habe, bereue und was ich nicht mehr rückgängig machen kann.
Auf das Gute will ich schauen, es pflegen, achten und wertschätzen.
Ich will nicht zulassen, dass es überdeckt wird von den Dingen, die mich unzufrieden machen.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht , was er dir Gutes getan hat:
wenn ich mir die Bilder des Guten, das mir in der Vergangenheit schon begegnet ist, vor Augen stelle, wirken sie in die Zukunft hinein: sie bilden und stärken ein Vertrauen in mir, dass Gott, der mir schon viele Gutes getan hat, es auch in Zukunft tun wird.

In diesem Sinne grüße ich Sie alle, herzlichst Ihre  
Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2020 08 - Psalm 36 Vers 7b

Herr, du hilfst Menschen und Tieren (Psalm 36, Vers 7b)

Liebe Leser*innen,

am Sonntag, nachdem es im Rhedaer Großschlachtbetrieb Tönnies zu dem Massenausbruch an Covid 19-Neuinfektionen gekommen war, haben wir dieses Psalmwort im Gottesdienst gelesen.
Es war für den betreffenden Sonntag vorgesehen.

Ich hatte den Eindruck, dass dieses Wort wirklich gut zu der aktuellen Situation passte.

Natürlich, und so sieht es auch jetzt noch mehr als eine Woche später aus: Erstmal scheint natürlich wirklich niemandem so richtig geholfen mit diesem Skandal.

In den Kreisen Gütersloh und Warendorf wurden sofort wieder alle Schulen geschlossen und mittlerweile gibt es einen Lockdown.
Urlauber*innen aus den betroffenen Kreisen dürfen zum Teil nicht in andere Gebiete reisen oder werden gar wieder vom Urlaubsort verwiesen.
Ein Riesenskandal, nachdem sich die Zahlen der Infizierten in den vergangenen Wochen so schön stetig nach unten bewegt hatten.

Erstmal scheint niemandem geholfen. Aber dann doch.
Der Skandal bringt endlich die unhaltbaren Zustände in der fleischverarbeitenden Industrie ganz deutlich ans Licht.
Es wird sich jetzt etwas verändern, für die Arbeiter*innen aus Bulgarien und Rumänien mit ihren prekären Arbeitsverträgen und den unwürdigen Unterkünften.
Und wenn sich in dieser Hinsicht etwas ändert, wird sich das hoffentlich auswirken auf die Art der Fleischproduktion und somit auf die Tiere.

Menschen und Tiere gehören zusammen, lese ich aus dem Psalm und ich finde gut, dass die Bibel das auch so sieht.
Natürlich geht es nicht darum, Tiere zu vermenschlichen und sie als ‚Liebesersatz‘ zu missbrauchen.
Ebenso ist es himmelschreiend, wenn Menschen – und da sagen wir manchmal ‚wie Tiere‘ – in unwürdigen Verhältnissen leben.
Es gibt Unterschiede zwischen beiden und trotzdem können die einen nicht ohne die anderen.
Sie gehören zusammen und sie hängen zusammen.

Gott, du hilfst Menschen und Tieren: die Tiere scheinen einen unmittelbaren Vorteil aus der Krise zu ziehen: Delphine tauchen plötzlich da auf, wo früher Kreuzfahrtriesen angelegt haben.
Vögel genießen ihre Freiheit, ohne durch die großen, von Menschen gemachten ‚Vögel‘ gestört zu werden.
Sicherlich werden auch Sie in diesem Frühjahr und Sommer vieles beobachtet haben in der Tierwelt, was anders war, ‘besser‘ als in den Jahren zuvor.
Menschen und Tieren: Wo ist die Hilfe für uns Menschen?
Zunächst scheint es sehr sehr schwer zu werden und wir werden noch lange an den Folgen dieser Krise zu tragen haben.
Trotzdem vertraue ich darauf, dass Gott uns Menschen helfen wird, langfristig, denn er hilft Menschen und Tieren.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sommer, in dem Sie immer wieder erkennen können, dass Gott seine ganze Schöpfung im Blick hat.

Herzlichst Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2020 06 - Rabinadath Tagore

Ich sprach zu dem Baum:
Sprich zu mir von Gott.
Und er blühte.
(Rabinadath Tagore)

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Wort von Tagore hat mich in der letzten Zeit sehr bewegt.
Gerade jetzt, da es durch den Lockdown an manchem schönen Frühlingsabend die Gelegenheit gab, in die Natur zu gehen und all die herrliche Blütenpracht zu bestaunen, kann ich dem Dichter aus ganzem Herzen beipflichten.
Dieser Überschwang der Natur, der Blütenschaum und die Fülle der Farben… das ist für mich wie eine Botschaft Gottes, eine Weise, wie er durch die Schönheit der Schöpfung zu uns spricht.

Die Aufforderung Tagores an den Baum ist ja, von Gott zu reden.
Der Baum folgt dieser Aufforderung sofort, indem er sich ein Blütenkleid zulegt.
Diese Unmittelbarkeit der Antwort, aber auch das Überraschende dabei, das beeindruckt mich sehr an diesem Wort.
Der Baum muss nicht um eine Antwort ringen, er muss nicht erst bestimmte Positionen abwägen, sondern die Antwort kommt unmittelbar und spontan.
Und sie ist eine Antwort, die vom Leben, von der Schönheit und von der Kraft der Verwandlung erzählt.

Ich glaube, dass wir Menschen dem Baum sehr ähnlich sein können.
Im übertragenen Sinne fangen wir wahrscheinlich auch an zu blühen, wenn wir versuchen, uns auf die göttliche Kraft in uns zu besinnen und im Vertrauen auf sie zu leben.
In diesen schwierigen Zeiten der Corona-Pandemie setzen sich viele Menschen mehr als je für diejenigen ein, die ihre Hilfe brauchen.
Wieviel Kreativität habe viele Menschen entwickelt, wieviel Phantasie und wieviel Einsatzbereitschaft, um in diesen Zeiten zusammen zu stehen und auch diejenigen zu unterstützen.
Manche Menschen sind - so habe ich es erlebt – gerade in diesen Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes erblüht und haben Kräfte entwickelt und mobilisiert, von denen sie sicherlich zuvor gar nicht wussten, dass sie diese haben.
Kreativität… das sind die schöpferischen Kräfte in uns, von denen viele von uns sagen können, dass es unser göttlicher Ursprung ist, der sie zum Blühen bringt.

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie weiterhin gut und verschont vom Virus durch diese Zeit hindurchkommen und freue mich auf jedes Wiedersehen.

Herzlichst Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2020 04 - Konfi-Andacht auf Youtube

Youtube Andacht am Sonntag, den 26. April 2020

Herzlich willkommen zu dieser Andacht sage ich allen, die heute mit uns verbunden sind.

Ganz besonders begrüße ich Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden und auch Eure Eltern.
Heute am 26. April wäre die erste Gruppe von Euch konfirmiert worden und am nächsten Sonntag, den 3. Mai, die zweite.
Keine der beiden Konfirmationen findet zu diesen geplanten Terminen statt, sondern - so hoffen wir jedenfalls – im September.
Obwohl wir schon vor einigen Wochen Eure Konfirmationen abgesagt haben, ist ja trotzdem die Vorstellung, dass es heute gewesen wäre und am nächsten Sonntag, noch präsent.
Daher möchten wir diesen Tag nicht einfach so vorüber gehen lassen.
Zunächst einmal denken wir in dieser Andacht – in der Musik – und mit Worten an Euch.
Und ich muss sagen, ich freu mich, dass es diesen Moment gibt, in dem ich ganz bewusst an Euch denken kann, und mir Euch vorstelle und Euch vor meinem inneren Auge gewissermaßen sehe.
So feiern wir miteinander im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen  

Liebe Konfis mit Euren Eltern und allen, die jetzt mit uns verbunden sind. 
Im 32. Psalm gibt es einen Vers, den Vers 8, in dem Gott sagt:
Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst.
Ich will dich mit meinen Augen leiten.
Ich will dich unterweisen… unterweisen, das sagt heute niemand mehr, aber es bedeutet so viel wie „unterrichten“.
Früher… Eure Eltern wissen das nicht mehr, aber Eure Großeltern wahrscheinlich noch: da hieß der evangelische Religionsunterricht „Evangelische Unterweisung“.
Also unterweisen… bedeutet etwas Ähnliches wie unterrichten.
Unser Unterricht, unser Konfiunterricht wurde ja im März abrupt beendet, seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen.
Und ebenso gibt es seit sechs Wochen jetzt für Euch keinen Unterricht mehr in der Schule, sehr unterschiedlich ist bei Euch wahrscheinlich, ob und wieweit ihr im Moment auch online unterrichtet werdet.

Gott sagt in unserem Psalm von sich, dass er jemand ist, der unterrichtet, also in der Coronakrise, wo der Unterricht für viele Schüler*innen und auch Erwachsene stark reduziert oder gen Null gefahren ist, ist es spannend zu hören, welchen Unterricht Gott anbietet, was für eine Art von Unterricht Gott macht.
Wir erschließen uns das langsam und schauen zuerst auf das Wort, das ganz eng zusammen mit dem Verb unterweisen, unterrichten steht.
Da sagt Gott: Ich will dir den Weg zeigen, den Du gehen sollst.
Ich will dir den Weg zeigen, den du gehen sollst. Es ist ja wirklich so, dass in diesen Zeiten von Corona die biblischen Worte auch ganz anders sprechen, dass ich, dass wir sie anders hören als sonst.

Der Weg, den du gehen sollst. Im Moment gibt es ja viele Wege, die wir nicht gehen sollen.
Den Weg zur Schule dürft Ihr nicht nicht wieder gehen, aber auch sonst viele Wege.
Ihr seid ja sehr aktiv auch in Euren Freizeitaktivitäten.
Der Weg führt nachmittags nicht zum Fußballtraining, in die Reithalle, zum Geigenunterricht oder zum Klavierunterricht, er sollte auch nicht zum Chillen oder zum Zocken beim besten Freund oder der besten  Freundin führen, und oft auch nicht zu den Großeltern.
Wege, die wir nicht gehen sollen, kennen wir zu Genüge im Moment.
Und die Wege, die noch übrigbleiben, die wir gehen sollen, kennen wir auch.

Ich will dir den Weg zeigen, den du gehen sollst… wie hört sich das an, nicht nur in diesen Zeiten, sondern auch wenn die Welt mal wieder frei ist von dieser Pandemie und Ihr Euch wieder so bewegen könnt, wie Ihr wollt.
Wie ist das… will ich, wollen wir einen Weg haben, den wir gehen sollen oder will ich mir meinen Weg nicht lieber selber suchen.

Heute und in einer Woche hättet Ihr Konfirmation gehabt und bei einer Konfirmation, da taucht ja auch immer schon ein bisschen Erwachsenwerden am Horizont auf… lange dauert es nicht mehr, dann seid Ihr erwachsen und das heißt: ich kann selbst entscheiden, was ich machen will, ich probiere meinen eigenen Weg aus.
Da brauche und will ich doch niemanden, der mir dann noch sagt: diesen Weg sollst du gehen.
Der Weg, den du gehen sollst: … ich möchte Eure Aufmerksamkeit noch einmal lenken auf dieses „sollst“.
Kommt Euch das irgendwie noch bekannt vor? Ich weiß, es ist lange her, schon fast ein Jahr, seit wir uns damit beschäftigt haben.
Aber könnt Ihr Euch an Sätze erinnern in denen immer dieses „Du sollst, du sollst nicht“ vorkommt? Na klar könnt Ihr Euch erinnern…
Es sind die 10 Gebote, die immer damit beginnen, mit du sollst oder du sollst nicht.
Ihr könnt vielleicht heute mal probieren, ob Ihr alle zehn noch zusammenbekommt.
Du sollst oder du sollst nicht… steht da am Anfang.
Es steht da nicht du musst!
Oder du darfst nicht.
Nein es heißt du sollst und du sollst nicht, sogar bei den Geboten, bei denen wir uns sogar ein du darfst nicht wünschen würden: "Du sollst nicht töten."

Gott gibt bestimmte Regeln, die aber nicht überwacht werden.
Da ist keine Kontrolle, auch nicht ab und zu Kontrolle, so wie jetzt an manchen Stellen kontrolliert wird, ob mehr als zwei Leute zusammen sind.
Sondern Gott sagt: "Ich gebe Euch diese Gebote nicht, um euch in eurer Freiheit einzuschränken, nicht um euch zu kontrollieren. Sondern ich gebe sie euch, damit es euch gut geht. Wenn du sie befolgst, dann wird es einmal dir selbst gut gehen und den Menschen, die mit dir zusammenleben."
Du sollst heißt also: es soll dir gut gehen.
Es soll dir gut gehen. Wenn Sie als Eltern darüber nachdenken, dann ist das doch der größte und einzige Wunsch, den man für ein Kind haben kann: Egal was kommt, Hauptsache, es geht dir gut, mein Kind.
Ein Wunsch, der einem als Eltern gerade bei der Konfirmation des Kindes ganz nahekommt und der ja auch schon die Erfahrung hat, wie sehr man als Eltern leidet, wenn es dem Kind nicht gut geht.

Ich will dir den Weg zeigen, den du gehen sollst, heißt: Ich will dir einen Weg zeigen, auf dem es dir gut geht.
Wie will Gott uns, und vor allem Euch den Konfis diesen Weg zeigen? Er will uns unterweisen, unterrichten, sagt er.
Es ist ja kein Unterricht im Stuhlkreis oder in der Gruppenarbeit oder auch nicht wie in der Schule, wo Euer Unterrichtsstoff durch Klausuren oder Klassenarbeiten gefestigt wird.
Gottes Unterricht ist anders: ich will dich mit meinen Augen leiten, sagt Gott.
Mit meinen Augen leiten, das gefällt mir gut und ich stell mir vor, wie das sein kann.
Ich werde nicht geleitet durch Absperrungen, Absperrbänder, auch nicht mit der Hand, in dem ich irgendwo hingeschoben oder gedrängt werde, sondern mit den Augen.
Was mache ich mit den Augen? Ich sehe … jemanden an, lasse ihn oder sie  nicht aus den Augen, er oder sie ist mir wichtig …
Wenn wir jetzt Konfi hätten, würde ich Euch bitten in Gruppen zu gehen und so eine Mindmap zu machen und zu überlegen, wozu sind die Augen wichtig, was geschieht mit den Augen?

Ich will dich mit meinen Augen leiten… für heute ist mir das Wichtigste, dass Gott zu Euch sagt liebe Konfis: Ich lasse euch nicht aus den Augen.
Das sagt er zu uns allen.
Bis wir uns wiedersehen, und in diesen Corona-Zeiten, sagt man ja immer: Bleibt gesund.
Das wünsch ich euch natürlich auch, aber ich würde es auch gerne ein bisschen umformen und sagen:
Bleibt behütet, das heißt: Vertraut darauf, dass Gott euch nicht aus den Augen lässt, dass er euch nicht ignoriert und dass er will, dass es euch gut geht.

Amen

Andacht 2020 04 - Osterandacht auf Youtube

Liebe Zuschauenden,

nun ist es doch Ostern geworden. 

Als vor gut vier Wochen feststand, dass es erst mal keine Gottesdienste mehr geben würde, weder zu Karfreitag noch zu Ostern, schien es mir wirklich zuerst, als würden diese Tage in diesem Jahr dann wohl komplett entfallen.
Denn was ist Ostern ohne diesen gemeinsamen Jubel über die Auferstehung Christi,
ohne das Christ ist erstanden, das aus den Trompeten und Posaunen erschallt,
ohne das in eine dunkle Kirche hereinbrechende Licht des Ostermorgens,
ohne die geteilte Freude, nach Passion und Kreuzestod Jesu wieder dem Leben entgegen gehen zu können?

Gestern Abend war ich kurz im Gemeindehaus.
Normalerweise wäre da so kurz vor der Osternacht alles wunderbar dekoriert gewesen, bunt und liebevoll gedeckte Tische, gefärbte Eier, Osterhasen, Blumen… alles für das gemeinsame Osterfrühstück unserer Gemeinde.
Gestern Abend war es sachlich nüchtern in den Räumen, …kein Hinweis auf Feier, auf etwas Besonderes.
Ja, alles ist anders in diesem Jahr.
Obwohl alles  was wir für unsere Feier brauchen ausgefallen ist, ist es trotzdem  Ostern geworden, es lässt sich nicht wegdrängen.
Ostern fällt nicht aus. 

Im Gegenteil, ich hatte in den  letzten Tagen sogar das Gefühl, dass dieses Fest herbeigesehnt wird, viel stärker als zu normalen Zeiten, manchmal sogar mit einer ganz  großen Zuversicht, dass Ostern eine irgendwie geartete Wende bringen würde, dass es uns ermöglichen würde wieder nach vorne zu schauen.
Erst mal ist diese Wende nicht da. 
Am Karfreitag sind in New York so viele Menschen gestorben an Corona wie noch nie zuvor und in Italien ist beschlossen worden, noch für mindestens drei weitere Wochen genauso weiter zu machen, wie es vor fünf Wochen begonnen hatte.
Und wie es in Deutschland weitergeht…
Das Virus ist da und wird sich nicht Hals über Kopf verabschieden. 

Schauen wir in die Geschichte, die ich Ihnen zu Beginn vorgelesen habe, das Osterevangelium nach Johannes.
Maria steht am Grab Jesu morgens ganz früh und weint.
Frau, was weinst du? Wird sie gefragt von zwei Engeln, wie Johannes sagt, die im Grab sitzen.
Frau was weinst du? Was für eine Frage… sie hat einen lieben Menschen verloren, aber ich glaube, in diesem Moment ist es noch mehr… es ist wirklich Marias Verzweiflung darüber, dass der Leichnam nicht mehr da ist.
Sie war früh schon am Grab gewesen, hatte da schon gesehen, dass der Stein, der das Grab schützt, nicht mehr da war und dann ist sie erst mal wieder zurückgelaufen, um das anderen zu erzählen und dann kommt sie zum zweiten Mal zum Grab und sieht: dass es tatsächlich so ist.
Der Leichnam ist weg, und das muss sie wirklich in die Verzweiflung treiben.
Sie wollte noch Abschied nehmen, ihn salben, noch einmal berühren.
Und jetzt ist nichts mehr da, steht sie vor dem leeren Grab.
Maria erlebt so eine Situation, wie sie manche von uns kennen:
Da ist schon etwas richtig schwer, fordert all meine Kraft, erfordert alles, dass ich mich soeben noch aufrecht halten kann…
aber dann kommt noch etwas dazu, und dann geht’s nicht mehr.
Dann bricht… mein System zusammen. 
Frau was weinst du … fragen die, die da im Grab sitzen.
Maria kriegt es soeben noch raus… ich stehe hier vor einem leeren Grab, ich wollte ihn noch mal sehen, aber jetzt, jetzt haben sie ihn weggenommen und ich weiß nicht mal wohin, …wohin sie ihn gelegt haben.
Ich weiß gar nicht, wo ich ihn suchen soll.
Das Grab ist leer, sie haben Jesu Leichnam weggenommen und ich weiß nicht, wo ich ihn suchen soll.
Das ist Marias Version.
Das ist ihre Erklärung für das, was sie da erlebt.

Auch darin ist mir Maria unwahrscheinlich nahe und vielleicht kennen Sie, kennt ihr das auch.
Ich habe auch immer meine Erklärungen und auch meine Phantasien für das, was gerade geschieht.
Besonders wenn es darum geht, mir Sorgen zu machen.
Er sieht so schlecht aus, was ist mit ihm?
Sie sagt nichts, ihre Stimme hört sich so traurig an, was ist los mit ihr… und ich reime mir dann alles mögliche zurecht und das worauf ich komme, trägt nicht dazu bei, dass es mir besser geht.

Auch Maria reimt sich eigentlich alles Mögliche zusammen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingetragen haben.
So redet sie und redet sie und plötzlich… sagt jemand ihren Namen.
Der Kreislauf der Gedanken wird durchbrochen.
Jemand durchbricht, dass Maria sich weiter in ihre Verzweiflung hineinsteigert.

Ja, das ist für mich Ostern, dass etwas hindurchbricht… dass das was hier gerade ist, dass das was die ganze Welt gerade gefangen hält, durchbrochen wird.
Maria hört ihren Namen, da gibt es eine Beziehung und diese Beziehung ist nicht zu Ende.
Der Auferstandene hält an seiner Beziehung zu Maria fest, Gott hält an seiner Beziehung zu uns fest… auch in diesen Corona Zeiten.
Und ich glaube er kann auch den Kreislauf der Nachrichten durchbrechen, die Zahlen, die neuesten Erkenntnisse, die man sich sofort morgens auch nach dem Aufstehen reinziehen kann… er kann das durchbrechen, uns beim Namen rufen und sagen: Es ist Ostern.
Ich bin da. 

Ja, Ostern gibt Hoffnung, es durchbricht den Kreislauf unseres Bemühens, Fortschreitens , Sorgens, weil wir daran erinnert werden, dass wir auch noch mit einer Kraft rechnen können, die außerhalb unserer selbst liegt.
Als der Auferstandene Marias Namen nennt, da sagt er ihr noch etwas: … und es ist wirklich unglaublich, dass das da jetzt steht in der Ostergeschichte in diesen Coronazeiten. Er sagt: Rühre mich nicht an.
Nichts ist uns näher als diese Aufforderung und wir haben es ja auch gelernt und verinnerlicht.
Wir dürfen uns nicht berühren.
Traurig bleibt es immer noch.
Niemanden in den Arm nehmen, selbst wenn er oder sie Geburtstag hat.
Aber noch viel schlimmer: viele unter uns durften die Hand ihrer sterbenden Lieben nicht halten.
Jesu sagt: Rühre mich nicht an und ich kann zum ersten Mal wahrscheinlich nachvollziehen, wie schockiert Maria darüber gewesen sein muss.
Rühre mich nicht an - auch eine Art Kontaktverbot.
Maria ist sicherlich schockiert, aber sie muss es auch lernen.
Sie muss lernen, dass der Auferstandene nicht mit den Händen zu greifen ist, dass er nicht zu begreifen ist.
Er sagt: Ich bin da, aber anders als früher. Ich lebe, aber ich bin nicht in meinem alten Leben zurück.

Wird nicht Auferstehung in diesem Jahr auch besonders deutlich?
Nach Corona wird alles anders sein.
Wir gehen nicht in das Alte Leben zurück.
Jesus ist auch nicht in das alte Leben zurückgegangen.
Das hat er hinter sich gelassen.
Aber entscheidend ist doch, dass er ins Leben gegangen ist.

Amen

Andacht 2020 04 - 08.04.2020 auf Youtube

Liebe Zuschauenden heute Abend,

gestern gab es eine kleine Notiz in der Zeitung über die sogenannten Corona-Körbe in Italien.
Die Corona-Körbe sind eine Idee, um der ärmsten Bevölkerungsgruppe zu helfen.
Immer mehr Menschen hängen Körbe mit Lebensmitteln, zum Beispiel Nudeln und Keksen an die Zäune oder aus dem Fenster, und jeder und jede in Not kann sich den Korb nehmen oder einfach auch nur etwas herausnehmen.
Das Schöne aber ist auch, dass manchmal Kinder ein Bild dazu malen, und dann das Motto der Krise dazu schreiben, nämlich "alles wird gut."

Alles wird gut… ich muss sagen, dass das in den meisten Zeiten meines Lebens mein grundlegendes Lebensmotto ist, von dem ich zutiefst überzeugt bin: alles wird gut.
Alles wird gut… ja, ich möchte wirklich auf dieser Überzeugung mein Leben aufbauen.
Und es ist auch meine Überzeugung, weil unter diesem Satz so eine Hoffnung liegt.
Eine Hoffnung, die mich die Verbindung spüren lässt mit Ostern, auf das wir ja in dieser Woche zugehen.
Ostern ist das Erwachen neuen Lebens, der Sieg des Lebens über den Tod und die Hoffnung, dass sich auch dort noch etwas ändert, wo ich längst alles verloren geglaubt habe.
Ostern ist für mich die Illustration der Behauptung, dass alles gut wird.
Daran will ich festhalten und deswegen haben mich auch die Kinderbilder in den Coronakörben so bewegt.

Auf der anderen Seite denke ich natürlich auch, dass man nicht zu vorschnell und unbekümmert diesen Satz anbringen sollte - also: man sollte ihn nicht einfach so raushauen.
Denn es gibt ja auch die andere Seite. Dass wir es anders erleben, nämlich dass nicht alles gut wird.
Wir erleben, dass längst nicht alles gut wird und dass manches nie wieder gut wird.

Was mich gestern erschüttert hat, war eine Nachricht von Krankenschwestern und Krankenpflegern aus Großbritannien.
Sie haben gesagt: Okay, es ist unser Job, dass wir mit dem Tod zu tun haben.
Wir kennen das in unserem Beruf, dass Menschen sterben. Damit gehen wir tagtäglich um.
Und wir wissen, dass es für manche Menschen keine Rettung mehr gibt. Wir können alles tun, aber sie sterben irgendwann.
Das ist normal, damit lernen wir, zurechtzukommen. 
Aber jetzt hat das eine völlig neue, wirklich schreckliche Dimension bekommen.
Wir sind jetzt quasi Richter über Leben und Tod.
Wir müssen entscheiden, wen wir medizinisch behandeln können und wen nicht.
Wir müssen entscheiden, wen wir an die Geräte anschließen oder nicht.
Das heißt, wir lassen einfach Menschen sterben, die wir unter normalen Umständen hätten retten können, die wir hätten heilen können, die wir normalerweise gesund gepflegt hätten.

Eine fürchterliche Entscheidung. Und eine ungeheure Gewissensqual, in die Ärztinnen und Pfleger einfach so hineinrutschen. 

Da wird nichts mehr gut. Das kommt unheimlich nahe, finde ich, alleine wenn ich denke, dass die Entscheidung zu beatmen über jemanden getroffen werden muss, den ich kenne.
Aber auch sonst erlebe ich in meinem Alltag eben auch Dinge, die nicht gut sind und die auch nicht mehr gut werden.
Wir haben ja noch Trauerfeiern.
Und bei schönem Wetter und Sonnenschein und unter dem Gesang der Vögel kann auch am Grab eine hoffnungsvolle Stimmung sein.
Aber trotzdem: die wenigen Menschen, die da sein dürfen, stehen wirklich sehr weit auseinander.
Das ist natürlich richtig, aber es ist auch schwer.
Wer gerade jemanden verloren hat, der weiß, wie gut es tut, in den Arm genommen zu werden dort am Grab.
Ich finde es wirklich schwer, dass so mit anzusehen, dass die Angehörigen da so berührungslos stehen müssen. Ohne Beistand, ganz isoliert.

Übermorgen ist Karfreitag. Und es gibt für diesen Tag einen Vers aus dem Propheten Jesaja, den ich unzählige Male an diesem Tag schon vorgelesen habe, aber der jetzt wirklich ungeheuer pulsiert:
Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.
Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.
Wer auch immer bei Jesaja ursprünglich damit gemeint war, da ist jemand, vielleicht Gott selbst oder für uns Christen dann Jesus, der unsere Krankheit und unsere Schmerzen trägt.
Das habe ich wirklich noch nie so gehört wie dieses Jahr an Karfreitag: dieses Jahr ist zu Karfreitag die ganze Welt krank.
Zum Glück sind viele gesund, aber die Krankheit umfasst die ganze Welt, eine Krankheit - buchstäblich - beherrscht die Welt.
Es gibt keinen Winkel auf der ganzen Welt, in den ich vor ihr fliehen könnte.
Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen…

Karfreitag macht mir deutlich, dass Gott selbst in Jesus am Kreuz bereit ist, unsere Welt mit ihrer ganzen Krankheit zu tragen und nicht aufzugeben.
Er geht mit uns in diese Tiefe hinein, in der wir universal, global im Moment angekommen sind.
Das tröstet mich sehr, einen Gott zu haben, der nicht irgendwie aus der Höhe auf diese coronagebeutelte Welt hinabschaut, sondern selbst in der Summe all das miterleidet, was wir im Einzelnen, jeder und jede für sich grad mitmachen.
Das tröstet mich: Denn fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.
Der Text geht noch weiter und lautet so:
Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Ja, durch seine Wunden sind wir geheilt. 
Die Heilung wird kommen.
Schon an Ostern wird etwas durchschimmern, werden wir etwas erahnen von einer Heilung, auf die wir schon mit unserem Leben zugehen.
Denn getragen ist unsere Welt von der Überschrift, die am Horizont aufleuchtet und die wir im Licht des Ostermorgens erahnen.
Die Überschrift heißt: Alles wird gut.

Amen

Andacht 2020 03 - Passionsandacht auf Youtube

Passionsandacht  LIVE auf  Youtube am Mittwoch, den 25. März 2020 - von Pfarrerin Margret Noltensmeier

Liebe Zuschauer*innen hier in der evangelischen Kirchengemeinde Schwalenberg und anderswo.

Als sich die Ereignisse überschlugen, als zuerst alle Klassenfahrten abgesagt wurden, dann die Bundesländer nacheinander oder auch zeitgleich entschieden, die Schulen bis zu den Osterferien zu schließen und als wir am selben Abend erfuhren, dass keine Gottesdienste mehr stattfinden dürften, war es vier Wochen vor Ostern.

Der Corona- Ausnahmezustand, diese Zeit, in der alles anders ist, beginnt also mitten in der Passionszeit.
Das bewegt mich immer wieder, wenn ich daran denke: Es ist nicht September oder Juni oder Januar, sondern es ist März, wenige Wochen von Karfreitag entfernt:
Es ist die Zeit, in der wir uns als Christen und Christinnen daran erinnern, was Jesus erleiden musste, bevor er am Kreuz auf Golgatha starb.

Früher habe ich immer versucht, Jesus in seinem Leiden dadurch ein bisschen näher zu kommen oder zumindest ansatzweise eine Ahnung davon zu bekommen, indem ich auf irgendetwas verzichtet habe in diesen sieben Wochen vor Ostern.
Die Passionszeit ist Fastenzeit, und sie hat in unserer Kirche auch ihr Gesicht durch die Aktion „Sieben Wochen ohne“, die ich auch deshalb so wunderbar finde, weil sie auch Jugendliche so sehr anspricht.
„Was fastest du in diesem Jahr?“ höre ich immer wieder junge Menschen einander fragen.

Man kann auf alles Mögliche verzichten, es begann ursprünglich mit Alkohol, aber Handyfasten, zumindest zu bestimmten Zeiten, ist sehr verbreitet.
Oder es ist der Verzicht auf Fleisch und Süßigkeiten oder überhaupt auf Industriezucker.
Der Verzicht, das Fasten ist für viele Menschen ein Weg, besser zu verstehen, was es heißen könnte zu leiden und es ist ein Weg, solidarisch zu sein mit denen, die leiden.
Ich habe auch versucht zu verzichten seit Aschermittwoch, auf Süßigkeiten und nach Möglichkeit auch auf Kuchen.   

In den letzten Tagen habe ich jedoch gedacht: Jetzt – seit Corona da ist - brauche ich das eigentlich nicht mehr.
Ich muss mir selbst im Moment keinen Weg suchen, um die Passionszeit stärker zu spüren, sondern sie ist von selbst da jetzt.
Sie ist ganz nahegekommen, erschreckend nahe, wie ich finde.

Diese Nähe entdecke ich auf zweifache Weise.
Als Jesus mit seinen Jüngern und Jüngerinnen nach Jerusalem kommt kurz vor dem Passafest, dem letzten, das er feiern wird, da überschlagen sich die Ereignisse.
Die Passionsgeschichten der Evangelien erzählen es, und Bach hat diese Dramatik besonders in der Matthäuspassion eindrücklich vertont:
Als der Stein erst mal ins Rollen gekommen ist, nachdem Jesus in Jerusalem eingezogen ist und noch mit Palmenzweigen und Hosianna empfangen wird, da überschlagen sich die Ereignisse:
er kann zwar noch das Passamahl mit seinen Jüngern essen, aber dann geht es Schlag auf Schlag:
er wird verraten, er wird verspottet und verhöhnt, geschlagen, verurteilt, die Leute würfeln um seine Kleider, er muss eine Dornenkrone tragen und so weiter.
Die Ereignisse überschlagen sich, man kommt nicht mehr mit, es geht in einem rasanten Tempo.

Und da kann ich sagen: Ja…, Jesus: zwar nicht so wie du, längst nicht so wie du, aber ich weiß und viele wissen … zum ersten Mal im Leben,  … wie es ist, wenn sich die Ereignisse überschlagen.
Zuerst ging es noch relativ langsam: kein Händeschütteln mehr, immer wieder die Hände waschen, viel öfter als sonst, und auch mal desinfizieren, dann die Überlegungen: kann ich das noch machen?
Kann ich noch da oder dort hinfahren?
Soll ich ihn oder sie noch besuchen?
Aber dann ging es schneller: keine Versammlungen mehr über 1000, Fußballspiele vor leeren Rängen, verstärkte Arbeit im Homeoffice, dann keine Klassenfahrten.
Dann Schulen, Kitas und Universitäten zu, keine Gottesdienste, Zweimeter-Sicherheitsabstand und jetzt: fast völliger Shutdown bei Restaurants, Friseursalons, vielen Geschäften, Kontaktverbote seit Sonntagnachmittag in ganz Deutschland.

Was ist da passiert in der einen Woche?
Ich komme nicht hinterher.
Die Ereignisse überschlagen sich.

Und da kommt mir die Passionsgeschichte auf einmal nahe.
Ich weiß jetzt, wie es ist, wenn sich stündlich oder gar minütlich bisher vertrautes Leben ändert.
Ich erahne die Dimension der Rasanz, des unglaublichen Tempos von Ereignissen, die die Passion Jesu hat.
Ich weiß, wie es ist, wenn eine Sache eine ungeheure Fahrt aufnimmt, bei der unklar ist, ob sie noch mal zum Halten kommt.
Diese Dimension kommt mir nahe, zum ersten Mal im Leben.
Aber gut, das ist vielleicht noch eine eher äußerliche Affinität.

Das Zweite ist stärker.
Ich entdecke in diesen Tagen zwar unglaublich viel Neues, viel neue Kreativität, ganz viel Solidarität…und es macht Spaß, sich auf neue Wege zu begeben.
Aber bei allem bleibt doch deutlich: es geht um Leben und Tod.
Das Leben lieber Menschen ist bedroht, und auch mein eigenes.
Diese Bedrohung liegt in der Luft, ihr gehören meine ersten Gedanken, wenn ich morgens aufwache.
Es geht um Leben und Tod, wie bei Jesus.

Am nächsten kommt mir das, wenn ich nach Italien blicke.
Und ich muss sagen, ich kann das schon fast gar nicht mehr an mich ranlassen.
Italien ist für mich der Inbegriff von Lebensfreude, die dolce vita, es sind die Bilder von unbeschwerten Sommerurlauben am See, von Sonne, gutem Essen und gutem Wein, von Städten voll unfassbarer Schönheit.
Und jetzt das Sterben.
700 Tote in der Lombardei täglich, oder sind es mehr? Ich will es gar nicht wissen.

Es geht um Leben und Tod.
Darum muss ich im Moment gar nicht unbedingt auf etwas verzichten, um besser zu begreifen, was die Passionszeit, Jesu Passion bedeutet.
Ich weiß es jetzt.
Corona hat es mich gelehrt.

In ein paar Wochen wird Ostern sein.
Ostern ist das Fest, auf das die Passionszeit zuläuft.
Wenn wir es auch in diesem Jahr ganz anders feiern werden als sonst, so bleibt eins doch gleich:
Wir gehen mit der Hoffnung weiter, dass in diesem Kampf um Leben und Tod letztlich das Leben gewinnen wird.

Lassen Sie uns an dieser Hoffnung festhalten, zunächst einmal bis zum nächsten Mittwoch, wenn wir uns von derselben Stelle aus wieder bei Ihnen melden.