Andachten

Passionsandacht  LIVE auf  Youtube am Mittwoch, den 25. März 2020 - von Pfarrerin Margret Noltensmeier

Liebe Zuschauer*innen hier in der evangelischen Kirchengemeinde Schwalenberg und anderswo.

Als sich die Ereignisse überschlugen, als zuerst alle Klassenfahrten abgesagt wurden, dann die Bundesländer nacheinander oder auch zeitgleich entschieden, die Schulen bis zu den Osterferien zu schließen und als wir am selben Abend erfuhren, dass keine Gottesdienste mehr stattfinden dürften, war es vier Wochen vor Ostern.

Der Corona- Ausnahmezustand, diese Zeit, in der alles anders ist, beginnt also mitten in der Passionszeit.

Das bewegt mich immer wieder, wenn ich daran denke: Es ist nicht September oder Juni oder Januar, sondern es ist März, wenige Wochen von Karfreitag entfernt:

Es ist die Zeit, in der wir uns als Christen und Christinnen daran erinnern, was Jesus erleiden musste, bevor er am Kreuz auf Golgatha starb.

Früher habe ich immer versucht, Jesus in seinem Leiden dadurch ein bisschen näher zu kommen oder zumindest ansatzweise eine Ahnung davon zu bekommen, indem ich auf irgendetwas verzichtet habe in diesen sieben Wochen vor Ostern.

Die Passionszeit ist Fastenzeit, und sie hat in unserer Kirche auch ihr Gesicht durch die Aktion „Sieben Wochen ohne“, die ich auch deshalb so wunderbar finde, weil sie auch Jugendliche so sehr anspricht. „Was fastest du in diesem Jahr?“ höre ich immer wieder junge Menschen einander fragen.

Man kann auf alles Mögliche verzichten, es begann ursprünglich mit Alkohol, aber Handyfasten, zumindest zu bestimmten Zeiten, ist sehr verbreitet. Oder es ist der Verzicht auf Fleisch und Süßigkeiten oder überhaupt auf Industriezucker. Der Verzicht, das Fasten ist für viele Menschen ein Weg, besser zu verstehen, was es heißen könnte zu leiden und es ist ein Weg, solidarisch zu sein mit denen, die leiden.

Ich habe auch versucht zu verzichten seit Aschermittwoch, auf Süßigkeiten und nach Möglichkeit auch auf Kuchen.

In den letzten Tagen habe ich jedoch gedacht: Jetzt – seit Corona da ist - brauche ich das eigentlich nicht mehr. Ich muss mir selbst im Moment keinen Weg suchen, um die Passionszeit stärker zu spüren, sondern sie ist von selbst da jetzt. Sie ist ganz nahegekommen, erschreckend nahe, wie ich finde.

Diese Nähe entdecke ich auf zweifache Weise.

Als Jesus mit seinen Jüngern und Jüngerinnen nach Jerusalem kommt kurz vor dem Passafest, dem letzten, das er feiern wird, da überschlagen sich die Ereignisse. Die Passionsgeschichten der Evangelien erzählen es, und Bach hat diese Dramatik besonders in der Matthäuspassion eindrücklich vertont: Als der Stein erst mal ins Rollen gekommen ist, nachdem Jesus in Jerusalem eingezogen ist und noch mit Palmenzweigen und Hosianna empfangen wird, da überschlagen sich die Ereignisse: er kann zwar noch das Passamahl mit seinen Jüngern essen, aber dann geht es Schlag auf Schlag: er wird verraten, er wird verspottet und verhöhnt, geschlagen, verurteilt, die Leute würfeln um seine Kleider, er muss eine Dornenkrone tragen und so weiter. Die Ereignisse überschlagen sich, man kommt nicht mehr mit, es geht in einem rasanten Tempo.

Und da kann ich sagen: Ja…, Jesus: zwar nicht so wie du, längst nicht so wie du, aber ich weiß und viele wissen … zum ersten Mal im Leben,  … wie es ist, wenn sich die Ereignisse überschlagen. Zuerst ging es noch relativ langsam: kein Händeschütteln mehr, immer wieder die Hände waschen, viel öfter als sonst, und auch mal desinfizieren, dann die Überlegungen: kann ich das noch machen? Kann ich noch da oder dort hinfahren? Soll ich ihn oder sie noch besuchen? Aber dann ging es schneller: keine Versammlungen mehr über 1000, Fußballspiele vor leeren Rängen, verstärkte Arbeit im Homeoffice, dann keine Klassenfahrten. Dann Schulen, Kitas und Universitäten zu, keine Gottesdienste, Zweimeter-Sicherheitsabstand und jetzt: fast völliger Shutdown bei Restaurants, Friseursalons, vielen Geschäften, Kontaktverbote seit Sonntagnachmittag in ganz Deutschland.

Was ist da passiert in der einen Woche? Ich komme nicht hinterher. Die Ereignisse überschlagen sich.

Und da kommt mir die Passionsgeschichte auf einmal nahe. Ich weiß jetzt, wie es ist, wenn sich stündlich oder gar minütlich bisher vertrautes Leben ändert.

Ich erahne die Dimension der Rasanz, des unglaublichen Tempos von Ereignissen, die die Passion Jesu hat. Ich weiß, wie es ist, wenn eine Sache eine ungeheure Fahrt aufnimmt, bei der unklar ist, ob sie noch mal zum Halten kommt. Diese Dimension kommt mir nahe, zum ersten Mal im Leben.

Aber gut, das ist vielleicht noch eine eher äußerliche Affinität. Das Zweite ist stärker.

Ich entdecke in diesen Tagen zwar unglaublich viel Neues, viel neue Kreativität, ganz viel Solidarität…und es macht Spaß, sich auf neue Wege zu begeben. Aber bei allem bleibt doch deutlich: es geht um Leben und Tod.

Das Leben lieber Menschen ist bedroht, und auch mein eigenes. Diese Bedrohung liegt in der Luft, ihr gehören meine ersten Gedanken, wenn ich morgens aufwache. Es geht um Leben und Tod, wie bei Jesus.

Am nächsten kommt mir das, wenn ich nach Italien blicke. Und ich muss sagen, ich kann das schon fast gar nicht mehr an mich ranlassen. Italien ist für mich der Inbegriff von Lebensfreude, die dolce vita, es sind die Bilder von unbeschwerten Sommerurlauben am See, von Sonne, gutem Essen und gutem Wein, von Städten voll unfassbarer Schönheit.

Und jetzt das Sterben. 700 Tote in der Lombardei täglich, oder sind es mehr? Ich will es gar nicht wissen.

Es geht um Leben und Tod.

Darum muss ich im Moment gar nicht unbedingt auf etwas verzichten, um besser zu begreifen, was die Passionszeit, Jesu Passion bedeutet. Ich weiß es jetzt. Corona hat es mich gelehrt.

In ein paar Wochen wird Ostern sein. Ostern ist das Fest, auf das die   Passionszeit zuläuft. Wenn wir es auch in diesem Jahr ganz anders feiern werden als sonst, so bleibt eins doch gleich:

Wir gehen mit der Hoffnung weiter, dass in diesem Kampf um Leben und Tod letztlich das Leben gewinnen wird.

Lassen Sie uns an dieser Hoffnung festhalten, zunächst einmal bis zum nächsten Mittwoch, wenn wir uns von derselben Stelle aus wieder bei Ihnen melden.

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (April 2020 – Mai 2020)

Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Welt (Matthäus 28, 20)

Liebe Leser*innen,

was sind das für Zeiten!

Während ich hier sitze und schreibe, sind die Schulen und Kitas längst geschlossen, unsere Gottesdienste dürfen nicht mehr stattfinden und Trauerfeiern sind unter freiem Himmel zu gestalten mit einer beschränkten Anzahl von Teilnehmenden.

Bars, Kinos, Schwimmbäder, Fitnessstudios und Spielplätze sind geschlossen, in der EU gibt es wieder Binnengrenzen und soziale Kontakte sind zu vermeiden.

Noch vor weniger als einer Woche war ich umgetrieben von der Frage, ob ich mit meinen Konfirmand*innen nach Berlin fahren kann, ein Entscheidungsfindungsprozess, der sich mir jetzt im Nachhinein als völlig absurd darstellt.

Und auch wenn Sie diesen Brief in den Händen halten – und hoffen wir, dass er noch zu Ihnen kommen kann – werden Sie sich vielleicht wundern, welche Themen ich in dieser Andacht - noch - erwähne. Denn dann wird schon wieder alles anders sein.

Ein unsichtbares Virus stellt die Welt auf den Kopf.

Als in den vergangenen Tagen fast stündlich immer neue Handlungsanweisungen und auch Verbote sowohl für unser gemeindliches Leben als auch insgesamt für Deutschland, Europa und die gesamte Welt „ins Haus flatterten“, hatte das schon irgendwie apokalyptische Züge: So könnte man sich den Anfang vom Ende der Welt  vorstellen… Zumindest ist die Welt, so wie sie einmal gewesen ist, nicht mehr da und was sein wird, wenn alles überstanden ist, bleibt unklar.

Ich möchte hier nicht unbekümmert davon schreiben, dass diese Krise wie jede Krise etwas Gutes hat und dass es einen Gewinn aus dieser Situation geben wird. Natürlich sehe ich schon manches Gute, aber wenn ich an die wirtschaftlichen Nöte denke, in die manche Menschen schon jetzt getrieben werden, oder auch daran, dass wir überhaupt nicht wissen, ob wir mit unseren Lieben wirklich gesund bleiben, dann halte ich mich damit zurück.

Was ich aber in dieser Krise deutlich spüre, ist, dass das Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium auf einmal klar zu sprechen beginnt: Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Welt.

Wenn die Welt Kopf steht, wenn unsere bisherige Welt an ihr (bisheriges?) Ende gekommen ist, zieht sich Gott nicht zurück. Er verspricht uns in Jesus, bei uns zu bleiben.

Ja, und ich könnte mir vorstellen, dass Sie das ähnlich wahrnehmen: Jeder Tag ist doch jetzt anders. Trotz der Einschränkungen und der Reduktion auf Weniges empfinden viele unter uns das wohl so. Denn das Leben findet doch in der Haltung des Abwartens statt: Morgen wird alles schon wieder anders sein als heute.

In dieser Situation merke ich, wie ich Jesu Zuspruch brauche und so langsam auch wahrnehmen und verstehen kann: Alle Tage, sagt er. Alle Tage ist er bei uns. Wie wunderbar ist das! Auch wenn ich nicht weiß, was morgen ist, eines weiß ich: Jesus Christus ist auch morgen bei uns und wird bei uns bleiben. Bis an das Ende der Welt.

Lassen Sie uns in diesen Zeiten den ungeheuren Trost, der in diesem Zuspruch liegt, nicht vergessen. 

Ich grüße Sie in Verbundenheit. Bleiben Sie behütet, herzlichst 

Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Februar 2020 – März 2020)

Ich glaube, hilf meinem Unglauben! (Markus 9, Vers 24) Jahreslosung 2020

Liebe Leserinnen und Leser,

„was fällt dir zu der Jahreslosung ein?“ fragte ich meinen Mann, als ich diese Andacht vorbereitete. „Auf Anhieb fällt mir dazu Herr R. ein“, sagte er. Herr R. ist der Pastor, der ihn konfirmiert hat. „Herr R. hat immer gesagt: Ich glaube bedeutet Ich weiß.“

Achso: Ich glaube bedeutet „ich weiß“. Das ist eine starke Aussage. Wenn das ein Pfarrer oder eine Pfarrerin zu ihren Konfirmand*innen sagt, stelle ich mir die Wirkung vor, die es hat. Was für eine Überzeugung! Dieser Satz hat mit Sicherheit für viele der Konfirmand*innen von Herrn R. eine prägende  Wirkung gehabt, einen immer wieder stärkenden Einfluss in Krisenzeiten, denn es sind  wirklich Worte, die sofort präsent sind.

Ich glaube heißt Ich weiß. Ich gebe zu, dass ich selber lange Strecken so durch mein Leben gehe. Strecken, auf denen ich mir meines Glaubens so sicher bin, dass er mir wie ein unumstößliches Wissen vorkommt. Das ist eine wunderbare Erfahrung, eine schöne Art zu leben auch und ich könnte mir vorstellen, dass es vielen von Ihnen ähnlich geht. Trotzdem möchte ich mich dem Satz des Konfirmators meines Mannes nicht anschließen.

Ich möchte und kann meinen Glauben nicht festzementieren als eine unumstößliche Wahrheit, als ein überprüfbares Wissen. Denn andere Menschen haben ihren eigenen Glauben, der sich sicherlich von meinem unterscheidet und gerade in Zeiten, in denen wir nur zehn Schritte von unserem Haus entfernt Menschen antreffen , die einer anderen Religion angehören, ist es wichtig, das immer wieder zu bedenken.

Regina Polack, eine katholische Theologin aus Wien, hat neulich gesagt: „Glaube ist ein Geschenk. Und wenn ich meinen eigenen Glauben als Geschenk betrachte, dann kann ich nicht umhin, auch den Glauben der anderen als Geschenk zu betrachten.“

Aber noch aus einem anderen Grund kann ich mich Herrn R. nicht anschließen. Denn abgesehen davon, dass andere Menschen anders glauben, gibt es doch auch im eigenen Leben Zeiten, in denen ich mit meinem Glauben ringen muss. Zeiten, in denen er sich eben nicht sanft und geschmeidig in meinen Alltag einschmiegt, sondern in denen mir der Unglaube näher ist.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ das sagt im Markusevangelium ein Vater, der seinen kranken Sohn zu Jesus bringt und diesen um Heilung bittet. Jesus sagt ihm, als er kommt: Alle Dinge sind möglich, dem der glaubt. Gerade in einer solchen Extremsituation, in der sich der Vater eines kranken Kindes befindet, wird deutlich, wie eng Glaube und Unglaube zusammen liegen. Einerseits will ich mich tragen lassen, von dem, was mich immer getragen hat. Aber im nächsten Moment merke ich schon, wie das Fundament unter meinen Füßen rissig wird: Ich kann nicht glauben, ich bin verzweifelt. Aber nein doch: Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!

Ich fand einen neuen Liedtext auf eine alte Melodie, der schön manchen Zwiespalt und Zweifel zum Ausdruck bringt und doch erkennt, dass das nicht alles ist:  Mit allen meinen Fragen steh ich, mein Gott, vor dir. Die Stimmen vieler Menschen sind ruhelos in mir. Was sage ich dazu? Worauf kann jeder hoffen? Was helfen wird, bleibt offen. Doch mittendrin bist du. Mit allen meinen Fragen lässt du mich nicht allein. Bei dir sind keine Zweifel bedeutungslos und klein. Ins Weite klingt dein Ton, nicht hohl und fest geschrieben. Wo wir einander lieben, lebt in uns was davon.

Herzlich grüße ich Sie,

Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Dezember 2019 – Januar 2019)

Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht, müsst ihr auch meinen Gott müde machen (Jesaja 7, Vers 13).

Liebe Leserinnen und Leser, 

sind Sie auch des Öfteren schon mitten am Tag müde? Gerade in diesen letzten Tagen und Wochen des Jahres trifft die Müdigkeit wohl das Lebensgefühl vieler Menschen: Im Beruf geht ein langes anstrengendes Jahr zu Ende und am Arbeitsplatz oder auch in der Schule und an den Unis muss gerade vor Jahresende noch viel erledigt, fertig gestellt und geschafft werden. Viel länger – so scheint es – wäre der Stress nicht durchzuhalten. Gut, dass dann irgendwann Weihnachten ist und das ganze System auf Entspannung schalten kann. 

Müdigkeit ist aber nicht nur körperlich bedingt oder durch Stress ausgelöst, sondern kann auch andere Ursachen haben. Es gibt meines Erachtens eine Müdigkeit, die durch Enttäuschung entsteht: So lange habe ich gehofft, so lange habe ich immer wieder Vertrauen gehabt, so lange habe ich einer Veränderung der Lage entgegengefiebert, und was ist jetzt? Alles genau wie vorher oder noch viel schlimmer. Ich kann nicht mehr, ich erwarte nichts mehr. Es muss mir niemand mehr sagen, dass alles wieder gut wird, ich kann es nicht mehr hören, ich bin müde.

Der Prophet Jesaja behauptet, dass auch Gott müde werden kann. Gott wird auch müde, wenn er enttäuscht ist, sagt der Prophet. Und wir Menschen enttäuschen ihn, wenn wir nicht mehr an seine Zeichen und Wunder glauben, ihm nichts mehr zutrauen. Aber das ist doch manchmal auch sehr schwer, oder? Wie soll ich noch daran glauben, dass ein Wunder geschieht, wenn die ärztlichen Prognosen etwas ganz anderes beinhalten? Wie kann ich noch Hoffnung haben, für Menschen, die tief in die Sucht gerutscht sind? Welche Hoffnung gibt es noch für die Rettung unserer Umwelt, gegen das Sterben der Bäume, der Meere? Es gibt Tage, da kann ich nicht mehr glauben, dass alles noch einmal anders, gut wird. Dazu bin ich zu müde, daran zu glauben, dass Gott Zeichen und Wunder tut. 

Zu Weihnachten geschieht etwas Wunderbares: Eine junge Frau bringt ein Kind zur Welt. Das geschieht zwar immer wieder, immer wieder werden junge Frauen schwanger und gebären ein Kind. Es ist zwar Alltag, aber trotzdem ist es ein Wunder. So sind die Zeichen Gottes: Sie passieren mitten im Alltag und sind trotzdem unglaublich.    Wenn wir das zu Ende gehende Jahr an uns vorüberziehen lassen, steht uns vielleicht doch im Rückblick vor Augen, wie unermüdlich Gott seine Zeichen gesetzt hat: im Alltag. Vielleicht habe ich gespürt, dass er plötzlich da war, als ich ihn nicht erwartet habe. Und das ist vielleicht wirklich ein großes Wunder: dass Gott immer an unserer Seite sein will: Denn Menschen, die wir lieben, gehen zwar oft mit uns. Aber es gibt manche Situationen, da können sie nicht mit. Durch manches muss ich alleine durch, da kann niemand mitgehen. Das Mitsein der Menschen, auch meiner Liebsten, ist begrenzt.  Gott hingegen ist grenzenlos mit uns, alle Tage und während er bei uns ist, geschehen möglicherweise manchmal Wunder. 

Darum können wir Hilde Domins Gedicht immer wieder bedenken, ein wahres Weihnachtsgedicht, wie ich finde:  Nicht müde werden sondern  leise dem Wunder wie einem Vogel  die Hand hinhalten. 

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Advent und Weihnachten sowie für den Jahreswechsel und das Neue Jahr.

Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Oktober 2019 – November 2019)

Als die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte lang und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2, 11; 13).

Liebe Leserinnen und Leser, 

 

sicherlich kennen Sie die Geschichte Hiobs, fürwahr keine besonders fröhlich Stimmende, aber doch wohl passend zu der Zeit des Jahres auf die wir uns hinbewegen: der November ist die Zeit der Gedenktage. Am Volkstrauertag denken wir an die Menschen, die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung geworden sind. Am Totensonntag / Ewigkeitssonntag richten sich unsere Gedanken auf die Menschen aus dem eigenen Umfeld, die zu uns gehörten und nicht mehr da sind.

Hiob hat den Tod im eigenen Umfeld auch gerade erlebt, und zwar auf eine besonders krasse Weise. Binnen kurzer Zeit wurden ihm alle seine Lieben genommen. So steht Hiob sinnbildlich für überaus erschütterndes Leid, für eine persönliche Katastrophenerfahrung, die schlimmer nicht werden kann. 

Hiob hat Freunde, die bei ihm sitzen und in den Versen oben wird beschrieben, wie sie sich verhalten, als sie von Hiobs Unglück erfahren. Die Bibel sagt: Sie redeten nichts.

Sie redeten nichts. Das gefällt mir. 

Sie redeten nichts, aber sie sitzen trotzdem bei ihm, sieben Tage und sieben Nächte lang. Ich finde es wirklich gut, dass die Freunde nichts sagen. Denn Hiobs Unglück ist wirklich sehr groß, da gibt es keine Worte, die es irgendwie „besser“ oder „kleiner“ machen würden. 

Vielleicht erleben sie es selbst auch so: Wenn ich wirklich in Not bin oder ein Unglück erlebt habe, dann ist es zwar grundsätzlich schön, wenn Menschen da sind. Und sie dürfen gerne auch reden, mir etwas erzählen oder mit mir über ein Thema diskutieren. 

Aber eines sollten sie lieber nicht tun: dem Unglück noch eine gute, tröstende Seite abgewinnen wollen.

Es ist besser, es so stehen zu lassen, in all seiner Tragik und Härte und dann vielleicht wirklich erstmal eine Weile zu schweigen, den anderen oder die andere in den Arm zu nehmen und ihm oder ihr zu vermitteln, dass es mir leid tut.

Das machen Hiobs Freunde. Dadurch, dass sie sieben Tage und sieben Nächte bei ihm sitzen bleiben, zeigen sie ihm, dass sie seinen Schmerz mittragen. Aber sie reden ihn nicht weg. Das geht nämlich nicht. 

Von Hiobs Freunden wird hier erzählt, dass sie schweigen. Manchmal verhalten sie sich auch ganz anders, das erfahren wir auch im Hiobbuch. Dann versuchen sie zu erklären, warum Hiob das alles zugestoßen ist. Sie versuchen, die alte, so oft ins Feld geführte Warum- Frage zu beantworten.

Warum? Was für eine Frage!

Was hätte ich davon, wenn ich wüsste, warum mir etwas passiert?

Auf der anderen Seite lässt sich die Warum-Frage ganz einfach beantworten. Ich erlebe 

Schweres, weil das Leben so ist. Unser Leben hier ist nicht befreit von Leiden und Not, auch wenn uns in manchen Zusammenhängen vielleicht vorgegaukelt wird, es wäre „eitel Freud und Sonnenschein“. 

Aber weil es das nicht ist, tut es gut Freunde und Freundinnen zu haben, die – wie Hiobs Freunde in den oben zitierten Versen – in der Not das Richtige zu tun wissen. Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen, wenn Sie in den kommenden Monaten hin und wieder trostbedürftig sind.  Herzlichst, 

 

Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Grußwort für die Urlaubszeit in den Sommermonaten:

Lass dich los. Du darfst so sein wie du bist. Ruhe dich erst einmal aus. Dann kannst du wieder ein Stück des Weges gehen, den du dir vorgenommen hast. (Anselm Grün)

Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Juni 2019 – Juli 2019)

Jesus sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Liebe Gemeinde, 

eine Einladung zu bekommen ist meistens etwas sehr Schönes, finde ich. Ich freue mich, wenn jemand an mich denkt und mich gerne bei seiner Feier dabeihaben möchte. Vielleicht haben Sie es ähnlich wieder erlebt in diesem Sommer, dass die eine oder andere Einladung zu einer Hochzeit oder einem Jubiläum mehr oder weniger überraschend ins Haus geflattert kam.  Umso schmerzlicher oft ist der andere Fall: Wenn ich weiß, dass jemand etwas zu feiern hat und alle sind geladen außer mir selbst. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, das viele Menschen mindestens einmal in ihrem Leben so kennen lernen. Bedeute ich ihm, ihr nichts mehr? Warum will man gerade auf meine Anwesenheit verzichten? Bin ich nicht gut genug? 

In anderen Fällen kann eine Einladung aber auch belastend sein: Ach je, mir ist gar nicht zum Feiern zumute und auf einem Fest, da muss ich doch fröhlich sein, sonst verderbe ich den Gastgebenden und Feiernden die Stimmung. 

Manchmal fällt es schwer, an einem Fest teilzunehmen. Davon erzählt auch die Bibel.  

Gott wird in der Bibel oftmals in der Gastgeberrolle gesehen. Er wird als derjenige beschrieben, der einlädt: zum Festmahl, zur Hochzeit. Und wir lesen, dass die Menschen seiner Einladung hin und wieder nicht nachkommen: Sie haben andere Dinge zu tun. 

Gott ist ja auch heute noch Gastgeber. Er lädt uns ein, in seine Nähe zu kommen, bei ihm zu  bleiben, seinen Worten zu folgen ein Leben lang. 

„Wieso machen Sie sich eigentlich so viel Mühe mit den Konfirmanden und Konfirmandinnen, die sind danach doch sowieso weg.“ sagte mir vorhin jemand. Das hat mich im ersten Moment etwas erschüttert. 

Sie sind dann ja sowieso weg… das höre ich ja immer wieder und würde das niemals bestreiten. Konfis gehen nach der Konfirmation nicht mehr so regelmäßig in den Gottesdienst wie davor. Oftmals passiert das erst lange Zeit danach und manchmal sehr lange Zeit danach wieder. Obwohl ich persönlich davon überzeugt bin, dass Gottesdienste Kraft geben, Stärkung, Verzweiflung lindern, Freude vergrößern, neue Perspektiven eröffnen und vor allem die Nähe Gottes ermöglichen, erlebt nicht jeder Mensch und schon gar nicht jeder Jugendliche dies in unseren traditionellen Gottesdiensten so. Unsere Gottesdienste sind eine unter anderen Möglichkeiten, Gott nahe zu sein. Als Gemeinde haben wir die Aufgabe, sie so attraktiv zu gestalten, dass sich Menschen aller Alltagsgruppen mehr und mehr zu ihnen hingezogen  fühlen. Das ist eine große Aufgabe für die Zukunft. 

„Was machen Sie sich so viel Mühe mit den Konfirmanden, die kommen doch eh nicht mehr.“ Die Gottesdienste sind das Eine…

Mein primäres Anliegen ist es, dass Jugendliche Gott als jemanden kennenlernen, der sie einlädt und zu ihnen sagt: Kommt her. Zu mir könnt Ihr immer kommen. Ihr seid bei mir willkommen mit allem, was Euch gerade so beschäftigt. Ich kann verstehen, trösten, ermutigen, verzeihen und vieles mehr. Und vor allem: Ich nehme und akzeptiere jeden und jede so, wie er, sie ist. 

Dass Jugendliche das lernen und verstehen, das ist mir jede Mühe wert.   

Ihnen allen wünsche ich in diesem vor uns liegenden Sommer die Erfahrung, dass Gott uns gerade dann „besonders herzlich“ einlädt, wenn wir mühselig und beladen sind.  In diesem Sinne erfüllte und gute Sommermonate, 

 Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (April 2019 – Mai 2019)

Er ist nicht hier (Markus 16, Vers 6)

Liebe Leser*innen,  

 Er ist nicht hier! Sie ist nicht hier! 

Eltern kennen diese Sätze vielleicht von Kindern, die anfangen, sich alleine auf den Weg zu machen. Zum ersten Mal zu einem Freund oder einer Freundin. Zur verabredeten Zeit soll das Kind abgeholt werden und dann erfährt man nach dem Klingeln an der Haustür des Freundes: Er ist nicht hier. Sie ist nicht hier. 

Das ist wie ein Erdbeben. 

Meistens klärt sich das auf, nach einigen Minuten oder maximal Stunden des Schrecks. 

Doch der Satz kann eine Erschütterung auslösen: Er ist nicht hier.

So ist es bei den beiden Frauen, die sich am Ostermorgen zum Grab Jesu aufmachen, bestimmt auch: Jesus ist gestorben vor drei Tagen. Nun wollen sie ihn noch einmal sehen, zum letzten Mal, Abschied nehmen. Noch einmal in der Nähe des lieben Menschen sein, seinen Körper spüren, ihn sehen, berühren...was danach kommt, es wird sich zeigen. Doch dann kommt der Schock:

Eine Person, die sich vor dem Grab aufhält, sagt:  Er ist nicht hier. 

Was einhergeht mit dem Schock, ist vielleicht die Erfahrung der Leere. Ich glaube, die meisten von uns haben diese Erfahrung schon gemacht: leer zu sein. 

Viele Menschen ereilt es nach einer großen Anstrengung, nach einer Zeit, in der alle Kräfte auf ein einziges Ziel gerichtet waren.

Wenn es dann aber erreicht ist das Ziel, dann ist es ganz anders. Das Erreichte ist anders als das lang Herbeigesehnte. Fast scheint es, als sei es nichts mehr wert.

Leere.

Leere kommt auch manchmal, wenn es darum geht durchzuhalten, weil ich nicht aussteigen kann, aus der Pflege vielleicht oder einem anstrengenden Job. 

Wenn das Ende dann da ist und die Kraft nicht mehr benötigt wird, dann kommt sie, die Leere. Wofür noch? 

Wofür mich noch einsetzen?

Und sowieso...war es das alles wert? Ich bin leer. 

Die Frauen erleben die Leere im wörtlichen Sinn. 

Das Grab ist leer. Er ist nicht hier. 

Wie es den Frauen geht, können diejenigen vielleicht nachempfinden, die einen lieben Menschen in einem Urnengrab bestattet haben. Da gibt es eine Woche mindestens, in der der Verstorbene nicht da ist. Man kann zum Friedhof gehen und das Grab, zumindest die Stelle, ist da. Aber sonst ist nichts da. Das Grab ist noch leer. Oft schon habe ich gehört, dass diese Zeit für Angehörige besonders schwer ist.

Die Frauen am Grab sind erschüttert, das ist ein Schock, dass der Leichnam nicht mehr da ist und in dieser Fassungslosigkeit haben sie überhaupt keine Erklärung, sehen keinen Weg. Der Blick ist versperrt, ich habe eine Blockade, nichts bewegt sich vor oder zurück. In solchen Situationen, das kennen Sie vielleicht auch, kann ich mir nichts selber sagen. Ich brauche jemanden, der mir etwas sagt. Manchmal finde ich das faszinierend, wie das geht. Ich bin noch völlig blockiert und festgefahren, weiß, dass alles, was ich mir überlege und denke, doch nur in eine Sackgasse führt und dann sagt einer oder eine einen einzigen Satz, bringt einen einzigen Gedanken ein...und dann reicht es schon. Jetzt weiß ich, wie es weiter geht, ich habe eine Idee, danke, das hat mir geholfen! 

Ein anderer muss es mir sagen. 

Ich selber kann es nicht. 

Den Frauen sagt auch der, der auf dem Stein sitzt etwas. Er ist nicht hier,...er ist…

Bitte, liebe Frauen, hört euch noch an, was er weiter sagt: Er ist nicht hier, er ist… auferstanden. Er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Ja, die Frauen scheinen es gehört zu haben. Denn sie laufen schon vom Grab weg, mit Furcht zwar noch, aber auch mit großer Freude. 

Und dann sehen sie Jesus und sie erkennen, dass er es ist. Ja, er lebt. Er redet mit ihnen: Seid gegrüßt, sagt er, und sie können ihn sogar berühren, seine Füße umfassen. 

Das ist ein berührender Moment. Er ist da. Nein er ist nicht im Grab, und das ist doch auch gut so.

Er lebt.

Aber dann ist er auch schon wieder weg. Auferstanden: Nicht zurückgekommen in das alte Leben. Nein, er lebt jetzt woanders.  

Das macht es schön und schwer. Gemischte Gefühle werden erzeugt. Furcht und Freude.  Die Freude ist da, denn ich weiß es und ahne es nicht nur: Der geliebte Mensch lebt. Er ist nicht tot und er ist nicht im Grab, er lebt, ich weiß es. 

Aber: er ist nicht hier. 

Das macht es schwer und teilweise unerträglich. 

Liane Moriarty, eine australische Bestsellerautorin, kann das auf eindrückliche Weise beschreiben: wie sehr wir einen Menschen vermissen, wenn er nicht mehr da ist. Da muss es zu Lebzeiten nicht immer nur alles eitel Sonnenschein gewesen sein. Da kann er oder sie genervt haben, manchmal ohne Ende, da kann er auch gestört haben zuweilen oder sie oder mich behindert haben. Das alles war so. 

Aber es steht in keinem Verhältnis zu dem, was dann danach ist: Dass ich ihn, dass ich sie vermisse. Und alles darum geben würde, wenn er oder sie wieder da wäre. 

Die Frauen wollen Jesus halten, im Leben halten. Jetzt haben sie ihn schon gesehen, gesprochen, berührt … und dann ist er weg.

Ja, denn er ist auferstanden, er ist nicht hier.  Er ist nicht hier, aber er ist auch nicht weg. Als die Frauen Jesus begegnen, erkennen sie ihn. Er ist der Alte. Aber er ist verwandelt. Das Alte wird nicht einfach vernichtet. Sondern es wird verwandelt. Es lässt sich gar nicht zerstören, nicht durch Feuer, Wasser oder sonst etwas. Gott macht daraus etwas Neues. Aber nicht hier, sondern woanders. 

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Osterzeit, herzlichst

Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Februar 2019 – März 2019)

Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. (1. Korinther 13, Vers 10)

Liebe Leserinnen und Leser, 

Das Jahr ist noch jung, während ich diesen Gemeindebrief schreibe und doch ist bei vielen von uns schon wieder eine Menge passiert. Und mehr noch: die ruhigen Tage über Weihnachten und den Jahreswechsel scheinen schon wieder seit einer Ewigkeit hinter uns zu liegen (jedenfalls ist das mein Eindruck im Moment). 

Strahlt noch etwas hinein in meinen / unseren Alltag von dem weihnachtlichen Glanz?

Und was ist mit dem Zauber des Anfangs eines neuen Jahres, der oftmals dazu anleitet, ganz neue Schritte zu gehen oder Dinge zu verändern?

Neujahrsvorsätze… halten sie bei denjenigen noch, die sie gefasst haben? 

Bei eigenen Vorsätzen merke ich auch häufig, dass sie schwer sind, sie durchzuhalten, weil der Alltag so schnell so vieles überrollt. 

Manchmal ist das frustrierend: ich wollte doch etwas verändern, und heute hat es gleich schon nicht geklappt… Ich probiere es am nächsten Tag und ich bin zufrieden, doch schon am übernächsten kommt alles wieder ganz anders. Und überhaupt: ein ganzes neues Jahr liegt da vor mir, so viel Zeit… und was schaffe ich? Viel zu wenig nach eigenem Ermessen. Regelmäßig ist das auch am Ende eines jeden Tages zu entdecken: Wieder nicht das geschafft, was ich mir vorgenommen habe. Alles noch nicht zu Ende, noch nicht fertig. 

Alles noch nicht zu Ende, noch nicht fertig. Das ist die Beschreibung für unser Leben. Es gibt keine Vollkommenheit hier. Selbst wenn ich nach Perfektionismus strebe, bleibt alles, was ich schaffe, doch hinter der Vollkommenheit zurück. 

Unser Leben ist Stückwerk, sagt Paulus. Das Vollkommene gibt es erst woanders, da, wo wir noch nicht angekommen sind. 

Nichts kann vollkommen sein. Ist das nicht sehr tröstlich? Wenn unser Leben bruchstückhaft und fragmentarisch ist, wenn das sowieso die Idee, meines, unseres Lebens ist, sollte ich dann nicht sagen: Seid willkommen alle meine Bruchstücke. Ich akzeptiere euch und versuche, euch zu lieben. Denn ihr seid mein Leben. 

Seid willkommen alle meine Bruchstücke! Neujahrsvorsätze sind leichter zu verwirklichen, wenn sie niederschwellig sind und keines großen Aufwandes bedürfen. Wäre das nicht ein Vorsatz? 

Zu versuchen, das womit ich eigentlich unzufrieden wäre, willkommen zu heißen und als Teil meines Lebens an- und aufzunehmen?

   Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Neues Jahr 2019.   Herzlichst,

Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Dezember 2018 - Januar 2019)

Lasst uns aufeinander achthaben und uns zur Liebe anreizen und zu guten Werken. (Hebräer 10, Vers 24)

Liebe Leserinnen und Leser,

…aufeinander achthaben…, das erinnert an eine Haltung, die von vielen Menschen auch in unserer Gesellschaft mehr und mehr als wichtig angesehen wird: die Haltung der Achtsamkeit. Es ist gut, sich in Achtsamkeit zu üben, Dingen gegenüber, der Schöpfung und vor allem Menschen gegenüber.
Manchmal erkenne ich aber- je mehr ich mich darin üben will- wie unachtsam ich dennoch jeden Tag bin. Es passieren dann Dinge -aus Unachtsamkeit-, die ich nicht mehr rückgängig machen kann, die jemand anderem dann auch sehr weh tun. Obwohl ich es nicht gewollt habe. Manchmal habe ich mich aber auch mit der Unachtsamkeit eines Mitmenschen auseinander zu setzen.

Vielleicht kennen Sie das: Sie sitzen an einem Tisch mit anderen, einige kennen Sie mehr, die anderen weniger. Aber das Gespräch ist nett und die Leute sind Ihnen durchweg sympathisch. Doch plötzlich haut Ihr Nebenmann oder Ihre Nebenfrau etwas heraus, was einen anderen am Tisch sehr treffen könnte. Mir gefällt der Ausdruck „raushauen“, weil tatsächlich etwas losgehauen, abgetrennt wird, was lieber hätte „drin“ bleiben sollen.
Also die Person neben Ihnen haut etwas raus und Sie möchten am liebsten in Grund und Boden versinken. Sie schämen sich fremd und für den Menschen, den es trifft, ist es Ihnen ungeheuer peinlich.
Dabei ist der oder die, die die Sache „rausgehauen“ hat, eigentlich eine Seele von Mensch. Er oder sie war „nur“ unachtsam, den Anderen und vor allem auch dem Gebrauch der Sprache und den benutzten Worten gegenüber. Ja, Achtsamkeit der Sprache gegenüber, die ich wähle, ist ein nächstes großes Thema.

So ist es nun, eine Unachtsamkeit, sie ist nicht mehr rückgängig zu machen, sie ist geschehen. Manchmal können wir sie nur so stehen lassen und darauf vertrauen, dass Nachsicht, Vergebung und auch das Vergessen wirksam sind und ihren Weg finden.
Trotz sollen wir aber nicht nachlassen, aufeinander achtzuhaben und uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und einen friedlichen und behüteten Jahreswechsel,

Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Margot Käßmann (Oktober - November 2018)

Offen für das Leben

Ein schöner Tag kann ein Tag sein, der einfach gelebt wurde. Das ist Schönheit im Moment, das Spüren des Lebens, die Wahrnehmung der Natur, ein Lachen, das aus der Tiefe kommt.
Ja, und da ist die Schönheit des Menschen: Aber sie zeigt sich nicht in Body-Maß-Index-Einheiten. Ein schöner Mensch – voller fröhlicher Energie. Ein Mensch, der etwas weiß und zeigt vom Leben in aller Tiefe. Schönheit ist die Eigenheit jedes Menschen, geschaffen von Gott.
Alle verschieden. Der kleine behinderte Junge und das Model, der rundliche Mann und die alte Dame, die mit der krummen Nase und der mit den breiten Ohren. Ich empfinde ein Mädchen mit Down-Syndrom schön, weil sie etwas spüren lässt von der Liebe zum Leben, vom Glücklichsein.
Schön ist auch ein Tag, an dem ich etwas geben konnte, an dem ich für jemanden wichtig war, oder ein Tag, an den ich gern zurückdenke. Schön ist ein Moment der Stille am Meer. Einklang mit der Natur. Harmonie mit einem Menschen. Warum nur müssen wir alles normieren, angleichen, anpassen, gleichmachen, klonen, damit es einem Ideal entspricht, das sich ja doch immer wieder verändert? Schönheit ist Individualität. Schönheit strahlt aus dem Mann, der eine wunderbare Erfahrung gemacht hat. Schönheit leuchtet aus der Frau, die Liebe gespürt hat und Liebe geben konnte.

In der Bibel sehe ich solche Schönheit, wenn Menschen angesehen werden durch Jesus, mit den Augen der Liebe, und so „angesehene Menschen“ werden. Schönheit ist wunderschön!
Ich wünschte, wir hätten die Freiheit, sie im Alltag zu entdecken. Dann wären wir wohl auch wieder offen für das Wunder des Lebens, das jeden Tag neu geschenkt wird.

Margot Käßmann

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (August - September 2018)

Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt ist Urlaubszeit und Reisezeit.

Viele Menschen erzählen mir, dass sie sich gerade im Urlaub Zeit nehmen, verschiedene Kirchen zu besichtigen und manchmal sogar in „jede Kirche gehen“, die am Weg liegt.

Unsere eigene Kirche kann auch von den vielen Menschen erzählen, die sie in den Sommermonaten besuchen, das Gästebuch, das in ihr ausliegt, gibt manchmal etwas von deren Gedanken und Erlebnissen wieder. Es schreiben Menschen in das Gästebuch, die unterwegs sind und sich dem Raum unserer schönen Kirche öffnen wollen, aber manchmal scheint es bei ihren Einträgen auch so, als hätten sie bewusst gerade diesen Ort aufgesucht: als Ort, der ihnen gerade in diesem Moment, in einer speziellen Lebenssituation, Kraft gibt.

Ich glaube, dass der Kirchenraum dazu verhelfen kann, sich selbst ganz nahe zu kommen. Viele Menschen sagen: wenn ich eine Kirche betrete und dann vielleicht noch eine bestimmte Musik gespielt wird, kommen mir meistens die Tränen.

Tränen sind ja bei weitem nicht nur ein Ausdruck für Traurigkeit, sondern das Zeichen dafür, dass etwas Wesentliches in mir angesprochen wird. Wenn mir die Tränen kommen, kann das bedeuten, dass ich zu meinem Inneren, meinem Wesentlichen gelangt bin. Es gibt Therapeutinnen, Berater und Seelsorgerinnen, die die Gabe haben, ihre Gesprächspartner recht schnell genau dahin zu führen.

In der Bibel wird auch oft von Menschen erzählt, die weinen, weil sie bei sich selbst und einer tiefen Erkenntnis über ihr Leben angelangt sind. Zum Beispiel gibt es die Geschichte von Josef, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde, weil sie auf ihn - den Lieblingssohn des Vaters- eifersüchtig waren. Josef macht in Ägypten Karriere und auf verschlungenen Wegen kommt es auch nach vielen Jahren zu einem Wiedersehen und – vor allem! – zu einer Aussöhnung mit den Brüdern. Die Josefsgeschichte endet im Grunde damit, dass Josef weint. Aber seine Tränen bedeuten nicht, dass er vor lauter Verzweiflung über die schlimmen Erfahrungen der Vergangenheit weint. Nein, Josef ist zu Tränen gerührt, weil er zu dem Kern seiner Lebenserfahrung kommt. Diese ist festgehalten in dem bekannten Satz der Josefsgeschichte: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut mit mir zu machen.

Gott gedenkt es gut mit uns zu machen… in allem, was uns sonst so widerfährt. Diese Erkenntnis rührt häufig zu Tränen.

Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen noch schöne Tage in diesem „Jahrhundertsommer“,
Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Juni - Juli 2018)

Darum sollt Ihr nicht sorgen… (Matthäus 6, 31 a.c)

Liebe Leserinnen und Leser,

das ist einer meiner Lieblingsabschnitte in der Bibel: Der Aufruf Jesu, dass wir uns keine Sorgen machen sollen. Ich lasse mich einfach – wenn ich mich selbst sorgenschwer erlebe - in diese Worte hineinfallen und denke: Gott weiß, was ich brauche und wird für mich sorgen.

In seiner Rede über die Sorgen wird Jesus aber an manchen Stellen konkreter: Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: …Womit sollen wir uns kleiden?

Ich denke, dass die Kleidung hier - genauso wie der Hinweis auf Essen und Trinken kurz zuvor - stellvertretend für das Lebensnotwendige steht. Und ich mache ja auch die Erfahrung, dass ich – anders als Menschen in anderen Gegenden dieser Welt - tatsächlich das, was ich zum Leben brauche, oft sogar im Überfluss habe: Essen, Trinken, Kleidung. Ich muss mir darum keine Sorgen machen. Trotzdem – und das geht jetzt gewiss von der Zielrichtung, die Jesus dabeihat, ein bisschen weg - bin ich der Meinung, dass wir Sorge dafür tragen sollten, wie wir uns kleiden.

Ich kann mich nicht jeden Tag gleich kleiden, sondern muss darüber nachdenken, ob meine Kleidung zu dem jeweiligen Anlass passt. Manchmal gibt der berufliche Zusammenhang sowieso einen bestimmten Dresscode vor. Die Umgebung bestimmt doch oft die Art, wie ich mich kleiden soll. Ich schäme bzw. fremdschäme mich zum Beispiel, wenn westliche Touristen in Ländern, in denen es üblich ist, den Körper zu bedecken, in Hot Pants und Spaghettitops herumlaufen. Das ist respektlos gegenüber dem Gastland. Was ich sehr schade finde, ist das in unserer Gesellschaft – so scheint es mir jedenfalls – der Unterschied zwischen dem Alltagsoutfit und der Kleidung für besondere Anlässe zunehmend verwischt. Im Theater, in der Oper oder im Musical fällt mir oft auch, dass Menschen sich dafür nicht mehr extra „in Schale werfen“. Sicherlich, das vereinfacht die ganze Sache oft. Da viele Menschen sehr viel zu tun haben, bedeutet es weniger Stress, wenn ich gleich aus meinem Alltag nahtlos zum besonderen Kulturprogramm übergehen kann. Trotzdem geht dadurch meines Erachtens etwas verloren: dass der Anlass wirklich etwas Herausgehobenes, nicht Alltägliches ist, dem ich durch meine Kleidung Ausdruck verleihe.

In ähnlicher Weise verändern sich die Gebräuche bei Beerdigungen und Trauerfeiern. Manchmal schreiben Angehörige in die Traueranzeige: „Auf Wunsch von ….bitten wir, von Trauerkleidung abzusehen“. Diesem Wunsch eines Verstorbenen ist meiner Meinung nach selbstverständlich entgegenzukommen. Darüber hinaus gibt es – so erlebe ich es hin und wieder – aber auch Sterbefälle, zu denen keine schwarze Kleidung passt. Das mag begründet liegen im Wesen des Verstorbenen, in der Art, wie er oder sie gestorben ist und vielem mehr. Und sicherlich ist das, was ich dann anziehe, auch mit viel Überlegung und Nachdenken ausgewählt.

Aber abgesehen davon und im Zweifelsfall kann ich trotzdem dem „Schwarz“ sehr viel abgewinnen. Auch wenn ich nicht selbst betroffen bin, so drücke ich durch meine Kleidung meinen Beistand und meine Solidarität mit denen aus, die einen Menschen verloren haben und für die dies auf einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben hinweist. Ich fände es schade, wenn gar nicht mehr sichtbar würde, dass der Tod etwas Besonderes ist in unserem Leben. Und wenn es mich trifft, dann könnte ich mir vorstellen, dass – wenn ich es äußerlich markiere - es mir hilft, es innerlich zu verarbeiten.

Darum sollt Ihr nicht sorgen und sagen: … Womit sollen wir uns kleiden?
Wenn uns nun schon die Sorge um das „Dass“ der Kleidung abgenommen ist, so ist es vielleicht umso wichtiger, Sorgfalt auf das „Wie“ zu verwenden.

Ich grüße Sie herzlich,
Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (April - Mai 2018)

Liebe Leserinnen und Leser,

im Chorraum unserer Kirche hängt das Bild der Emmausjünger, das viele von Ihnen sicherlich kennen.
Es zeigt drei Männer, die unterwegs sind, einen Weg gehen. Ich glaube, dass es dieses „Unterwegssein“ ist, das vielen Menschen dieses Bild so wertvoll macht. Vielleicht ist deshalb auch das Wort „unterwegs“ seit einiger Zeit zu einem sehr häufigen und beliebten Wort unserer Sprache geworden.

„Wie bist du denn unterwegs?“ höre ich manchmal besonders jüngere Menschen fragen. Oder ich sage selbst: „Das zeigt schon, wie er oder sie unterwegs ist:“ Es wird dabei aber gar nicht mehr unbedingt an die Fortbewegung, das Gehen oder Fahren gedacht, sondern eher ist dabei im Sinn, was ein Mensch in einem bestimmten Zeitraum oder in seinem Leben „so macht“, was er denkt, was er für Pläne hat, wie er „unterwegs“ ist. Das Leben als Weg – auch wenn ich mich gar nicht fortbewege, sondern für längere Zeit am selben Ort bleibe.

Unterwegs sein: Wie auf dem Bild im Chorraum, sind wir oft nicht allein unterwegs, sondern wir haben Weggefährtinnen und Weggefährten. Manche Menschen begleiten mich ein Leben lang, in Jahren oft noch länger als die Mitglieder der Kernfamilie: ein alter Freund aus Kindergarten- oder Grundschulzeiten, ein Nachbar oder eine Nachbarin von früher, der Bruder oder die Schwester.

Andere sind Lebensabschnittsgefährten: Ich bin eng mit ihnen verbunden in einem bestimmten Lebensabschnitt, in der Ausbildung, der Phase der Kindererziehung oder während einer Reise. Aber egal, ob kurz oder lang: Allen gemeinsam ist, dass sie mitgehen, dass wir miteinander gehen. Oft hat dieses gemeinsame Unterwegssein etwas ganz Leichtes: Wir unternehmen Dinge gemeinsam, lachen, essen, trinken und feiern miteinander. Dann wiederum kann es schwieriger werden, je nachdem, wie es mir oder denen, die bei mir sind, geht. Manchmal gehen wir miteinander durch Tiefen und Krisen des Lebens. Dann tun unterschiedliche Dinge gut: Ich kann den anderen oder die andere bekochen, kann Fahrdienste übernehmen, oder ich höre einfach nur zu oder versuche, ihn oder sie zu bestärken und zu ermutigen. Ich halte das, was er oder sie durchmacht, mit aus. Egal, was ich mache: Hauptsache, ich bin da.

Es sind besonders die Zeiten der Krise, in denen wir Menschen nach Gott fragen. Und oft genug sagen wir: Wo bist du eigentlich Gott? Du scheinst kein Weggefährte zu sein! Wieso muss ich das jetzt erleben, warum hilfst du mir nicht? Warum machst du nicht, dass es mir besser geht, warum muss ich dies erleben?

„Gott ist kein Antwortgewinn“ sagt der Theologe Otmar Fuchs. Es gibt nicht die Erklärung, die endgültige Antwort auf diese Fragen, mit der man diese ein für alle Mal „abhaken“, ihnen ein Ende machen könnte. Aber auch wenn das nicht so ist, denke ich, dass Gott trotzdem eine Antwort gibt, dass er etwas zu unseren Fragen sagt.

Seine Antwort ist: „Ich war in all diesen Zeiten bei euch. In den Zeiten eures Leidens, eurer Krise, in den Zeiten, in denen es euch schlecht ging. Ich war in all diesen Zeiten bei euch, mit euch unterwegs. Und ich werde es weiterhin sein.“

Ich wünsche Ihnen eine Osterzeit und ein fröhliches Pfingstfest,

herzlichst Ihre
Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Februar - Ostern 2018)

Liebe Leserinnen und Leser,

neulich zeigte mir eine Bekannte ein paar Fotos aus dem Skiurlaub. Wunderbare Berglandschaft, von glitzerndem Schnee bedeckt. „Schau, auf diesem Bild ist ein Engel im Schnee“, sagte sie. „Hmm….“, dachte ich. “Sehe ich nicht. Ich seh nur weiß, ein paar Menschen ganz im Hintergrund. Aber ein Engel im Schnee? Für mich nicht erkennbar, da kann ich das Bild drehen und wenden wie ich will.“ „Doch schau doch, da ist er.“ Sie kann noch so oft darauf zeigen, ich sehe da nichts. Was soll ich nun antworten? Das ist Quatsch, auf dem Bild ist nur Schnee, da ist kein Engel? Nein, ich denke, so geht die Antwort nicht. Nur weil ich den Engel nicht sehe, heißt es nicht, dass da keiner ist.

Aber vielleicht sollte ich mit etwas Alltäglicherem beginnen. Ganz normale Gespräche in der Familie oder dem Freundeskreis. Der eine behauptet dies, die andere das. Und schon geht es ganz schnell darum, wer Recht hat. Keiner hat Recht und keine. Wie die Dinge wirklich sind, weiß keiner. Es ist alles eine Frage meiner eigenen Perspektive. Natürlich darf ich die Dinge so sehen, wie ich möchte. Unbedingt! Aber ich darf nicht von meiner Frau, meinem Bruder oder meiner Mutter verlangen, dass sie für sie ganz genauso so sind wie für mich. Das wird niemals so sein. Und wenn alles auch ganz ähnlich oder sogar gleich scheint, es wird immer irgendeinen Unterschied geben.

Schwierig wird es ja, wenn wir vollkommen auseinander liegen mit unseren Meinungen. Dann kommt es oft zu Streit. Wann sieht er, sieht sie das endlich ein? Warum sollte er, sollte sie etwas einsehen? Und dann noch dazu etwas, was ich mir in den Kopf gesetzt habe? Warum sollte ausgerechnet bei mir „die Wahrheit“ sein?

Vor einiger Zeit war der Ausdruck „Isso“ für „so ist es (und nicht anders)“ sehr aktuell, meiner Wahrnehmung nach wird mittlerweile wieder weniger von ihm Gebrauch gemacht. Zum Glück, finde ich. Denn „isso“ gibt es nicht, nichts ist so. Nichts ist so, wie ich es denke oder für richtig halte. Denn: Es könnte auch alles ganz anders sein. Es könnte auch alles ganz anders sein… Ist das nicht eine wunderbare Erkenntnis? Lockt das nicht, auf Entdeckungsreise zu gehen? Kann ich nicht ganz spannende Dinge entdecken, wenn ich nicht meine, alles schon zu wissen und zu kennen, was mein Gegenüber mir erzählt? Öffnet sich mir nicht die Welt, wenn ich neugierig bleibe und in der Haltung durchs Leben gehe, dass es selbst beim vermeintlich Altbekannten noch ganz viel Neues zu erforschen gibt?

Beim Propheten Jesaja heißt es: Wenn du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen. Und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen (Jesaja 43,Vers 2). Da könnte ich nun sagen. Absoluter Quatsch: Jeder weiß, dass man in der Strömung ertrinken kann und im Feuer verbrennt. Diese Vorsicht vor Feuer und Wasser versuchen wir doch, unseren Kindern als erstes nahe zu bringen.

Doch hier hält plötzlich jemand gegen jede menschliche Erfahrung dagegen: Wenn du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen. Was mag der, der das sagt, damit meinen? Ich sage nur: Wie gut, dass es noch mehr gibt, als das, was ich für richtig halte! Wie gut, dass es etwas gibt, was über das hinausgeht, was ich mit meinen begrenzten Fähigkeiten erfassen kann!

In diesem Sinne grüße ich Sie alle und wünsche Ihnen gesegnete Monate Februar und März!

herzlichst Ihre
Pfarrerin Margret Noltensmeier

 

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (12/17+01/18)

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten
(Jesaja 52, Vers 7)

Liebe Leserinnen und Leser,

die Sprache der Füße, so sagte es jemand, sei ehrlicher als die Sprache der Lippen: Stimmen können lügen. Aber wie einer auftritt, zeigt meist sehr deutlich, was er will. Wie jemand hineinkommt in einen Raum, das spricht meistens eine ganz eindeutige Sprache. Oder wie jemand ankommt: auf dem Bahnhof oder zu Hause nach der Schule. Und Sie kennen sicherlich auch die Schritte Ihrer Lieben.

Grundsätzlich ist es schön, die Schritte zu hören, wenn er oder sie überhaupt nach längerem Warten nach Hause kommt. Je nachdem, welcher Art seine oder ihre Schritte gerade sind, wissen Sie vielleicht auch sofort, wie die Person gestimmt ist. Kommt sie aufgeregt nach Hause oder eher zögerlich? Im Beruf empfiehlt es sich wahrscheinlich manchmal auch, auf die Schritte der Chefin oder des Chefs zu achten. Wie hören sich die Schritte an, gut gelaunt oder ärgerlich?

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten: lieblich. Das verspricht Gutes, Neues, etwas, auf das man sich freuen kann. Das sind keine bedrohlichen Schritte in Stiefeln, wie wir sie vom Militär aus den verschiedenen Diktaturen der Welt kennen. Es sind Füße, die nichts und niemanden zu Boden treten.

Später in diesem Abschnitt bei Jesaja wird das Wort „lieblich“ noch genauer erklärt. Lieblich sind die Füße, weil sie die gute Botschaft bringen, dass Gott zurückkommt.
„Gott kommt zurück!“ sagen die Füße.
Diese Vorstellung setzt voraus, dass Gott gegangen ist. Dass er jederzeit gehen kann. Von einem Tag auf den anderen.

Wahrscheinlich gibt es gerade zur Weihnachtszeit, die so stark vom Kommen Gottes in diese Welt redet, viele Menschen unter uns, die sich im Gegenteil von Gott verlassen fühlen. Die den Eindruck haben, von Gott verlassen worden zu sein. Vielleicht ist irgendetwas passiert, was sie nicht mehr richtig froh werden lässt oder was sie daran zweifeln lässt, dass Gott jemals zu ihnen zurückkommt.
Gott kommt zurück, sagt der Prophet. Also ist er gegangen.

Manchmal frage ich mich, wie es bei uns in der Kirche ist. Sind wir hier in Deutschland, egal ob evangelisch oder katholisch, wirklich eine Kirche, in der Gott sich zu Hause fühlt, in die hinein er geboren werden will?

Ja, ist er überhaupt noch hier oder ist er vielleicht auch schon längst gegangen? Ist er nicht gerade zu den Randständigen und Ausgestoßenen- wie den Hirten- gekommen? Wo sind diese Menschen in unseren Gemeinden?

Für wen und wie treffen wir unsere Entscheidungen? Welche Maßstäbe wenden wir an? Entscheiden wir im Geist Jesu, oder lassen wir uns von dem treiben, wie es üblich ist, vom Mainstream, so, wie man es halt macht?

Wohin würde Gott mit Freude zurückkommen, vorausgesetzt, er ist gegangen?
Gott kommt zurück, sagt der Prophet. Darum – so sagt er weiter: Freut euch, ihr Trümmer Jerusalems.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Trümmer sich freuen können. Trümmer sind für mich der Inbegriff zerstörten Lebens. Wie erschütternd ist es, wenn jemand sagt: „Mein ganzes Leben liegt in Trümmern.“ Wie oft haben wir im vergangenen Herbst wieder die Trümmer gesehen, die von den Hurrikans Irma, Harvey, Maria und wie sie noch alle heißen hinterlassen wurden. Alles in Trümmern.
Trümmer sollen sich freuen, jubeln können?

Manchmal geht im eigenen Leben alles in die Brüche: Nichts scheint sich reparieren zu lassen, weder die Beziehung zu den Kindern, den Eltern, den Arbeitskollegen…
Solche Trümmer sollen jubeln? Es ist schwer vorstellbar. Aber: Es ist bald Weihnachten. Warum eigentlich feiere ich, feiern viele Menschen eigentlich immer noch dieses Fest? Mir selbst wird zu keiner anderen Zeit des Jahres als zu Weihnachten so deutlich, wie stark mein Leben von einer Vision, von Hoffnung getragen wird: von der Vision, dass Gott heil machen kann, was kaputt ist. Gut, niemand von uns wird gleich dieses Jahr zu Weihnachten erleben, dass sofort alles heil wird, was zerbrochen ist oder sogar in Trümmern liegt. Aber kleine Dinge ändern sich vielleicht schon jetzt zum Guten. Und für alles Andere, was noch kaputt ist, gibt es noch viele Weihnachtsfeste, alle Jahre wieder.

In diesem Sinne grüße ich Sie mit den besten Wünschen für die Advents- und Weihnachtszeit und für ein gesegnetes Neues Jahr 2018.

Herzlich,
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier