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Andacht 2019 04 - Markus 16 Vers 6

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (April 2019 – Mai 2019)
Er ist nicht hier (Markus 16, Vers 6)

Liebe Leser*innen,   

Er ist nicht hier! Sie ist nicht hier!  
Eltern kennen diese Sätze vielleicht von Kindern, die anfangen, sich alleine auf den Weg zu machen.
Zum ersten Mal zu einem Freund oder einer Freundin.
Zur verabredeten Zeit soll das Kind abgeholt werden und dann erfährt man nach dem Klingeln an der Haustür des Freundes: Er ist nicht hier. Sie ist nicht hier.  

Das ist wie ein Erdbeben.  
Meistens klärt sich das auf, nach einigen Minuten oder maximal Stunden des Schrecks.  

Doch der Satz kann eine Erschütterung auslösen: Er ist nicht hier. 
So ist es bei den beiden Frauen, die sich am Ostermorgen zum Grab Jesu aufmachen, bestimmt auch: Jesus ist gestorben vor drei Tagen.
Nun wollen sie ihn noch einmal sehen, zum letzten Mal, Abschied nehmen.
Noch einmal in der Nähe des lieben Menschen sein, seinen Körper spüren, ihn sehen, berühren...was danach kommt, es wird sich zeigen.
Doch dann kommt der Schock: 
Eine Person, die sich vor dem Grab aufhält, sagt:  Er ist nicht hier.  

Was einhergeht mit dem Schock, ist vielleicht die Erfahrung der Leere.
Ich glaube, die meisten von uns haben diese Erfahrung schon gemacht: leer zu sein.  
Viele Menschen ereilt es nach einer großen Anstrengung, nach einer Zeit, in der alle Kräfte auf ein einziges Ziel gerichtet waren. 

Wenn es dann aber erreicht ist das Ziel, dann ist es ganz anders.
Das Erreichte ist anders als das lang Herbeigesehnte.
Fast scheint es, als sei es nichts mehr wert. 
Leere. 

Leere kommt auch manchmal, wenn es darum geht durchzuhalten, weil ich nicht aussteigen kann, aus der Pflege vielleicht oder einem anstrengenden Job.  
Wenn das Ende dann da ist und die Kraft nicht mehr benötigt wird, dann kommt sie, die Leere.
Wofür noch?  
Wofür mich noch einsetzen? 
Und sowieso...war es das alles wert?
Ich bin leer.  

Die Frauen erleben die Leere im wörtlichen Sinn.  
Das Grab ist leer.
Er ist nicht hier.  
Wie es den Frauen geht, können diejenigen vielleicht nachempfinden, die einen lieben Menschen in einem Urnengrab bestattet haben.
Da gibt es eine Woche mindestens, in der der Verstorbene nicht da ist.
Man kann zum Friedhof gehen und das Grab, zumindest die Stelle, ist da.
Aber sonst ist nichts da.
Das Grab ist noch leer.
Oft schon habe ich gehört, dass diese Zeit für Angehörige besonders schwer ist. 

Die Frauen am Grab sind erschüttert, das ist ein Schock, dass der Leichnam nicht mehr da ist und in dieser Fassungslosigkeit haben sie überhaupt keine Erklärung, sehen keinen Weg.
Der Blick ist versperrt, ich habe eine Blockade, nichts bewegt sich vor oder zurück.
In solchen Situationen, das kennen Sie vielleicht auch, kann ich mir nichts selber sagen.
Ich brauche jemanden, der mir etwas sagt.
Manchmal finde ich das faszinierend, wie das geht.
Ich bin noch völlig blockiert und festgefahren, weiß, dass alles, was ich mir überlege und denke, doch nur in eine Sackgasse führt und dann sagt einer oder eine einen einzigen Satz, bringt einen einzigen Gedanken ein...und dann reicht es schon.
Jetzt weiß ich, wie es weiter geht, ich habe eine Idee, danke, das hat mir geholfen!  
Ein anderer muss es mir sagen.  
Ich selber kann es nicht.  

Den Frauen sagt auch der, der auf dem Stein sitzt etwas.
Er ist nicht hier,...er ist… 
Bitte, liebe Frauen, hört euch noch an, was er weiter sagt: Er ist nicht hier, er ist… auferstanden.
Er ist auferstanden, wie er gesagt hat.
Ja, die Frauen scheinen es gehört zu haben.
Denn sie laufen schon vom Grab weg, mit Furcht zwar noch, aber auch mit großer Freude.  

Und dann sehen sie Jesus und sie erkennen, dass er es ist.
Ja, er lebt. Er redet mit ihnen: Seid gegrüßt, sagt er, und sie können ihn sogar berühren, seine Füße umfassen.  
Das ist ein berührender Moment.
Er ist da.
Nein er ist nicht im Grab, und das ist doch auch gut so. 
Er lebt. 

Aber dann ist er auch schon wieder weg.
Auferstanden: Nicht zurückgekommen in das alte Leben.
Nein, er lebt jetzt woanders.   

Das macht es schön und schwer.
Gemischte Gefühle werden erzeugt.
Furcht und Freude.
Die Freude ist da, denn ich weiß es und ahne es nicht nur: Der geliebte Mensch lebt.
Er ist nicht tot und er ist nicht im Grab, er lebt, ich weiß es.  
Aber: er ist nicht hier.  
Das macht es schwer und teilweise unerträglich.

Liane Moriarty, eine australische Bestsellerautorin, kann das auf eindrückliche Weise beschreiben: wie sehr wir einen Menschen vermissen, wenn er nicht mehr da ist.
Da muss es zu Lebzeiten nicht immer nur alles eitel Sonnenschein gewesen sein.
Da kann er oder sie genervt haben, manchmal ohne Ende, da kann er auch gestört haben zuweilen oder sie oder mich behindert haben.
Das alles war so.  
Aber es steht in keinem Verhältnis zu dem, was dann danach ist: Dass ich ihn, dass ich sie vermisse. Und alles darum geben würde, wenn er oder sie wieder da wäre.  
 
Die Frauen wollen Jesus halten, im Leben halten.
Jetzt haben sie ihn schon gesehen, gesprochen, berührt … und dann ist er weg.
Ja, denn er ist auferstanden, er ist nicht hier.
Er ist nicht hier, aber er ist auch nicht weg.
Als die Frauen Jesus begegnen, erkennen sie ihn.
Er ist der Alte.
Aber er ist verwandelt.
Das Alte wird nicht einfach vernichtet.
Sondern es wird verwandelt.
Es lässt sich gar nicht zerstören, nicht durch Feuer, Wasser oder sonst etwas.
Gott macht daraus etwas Neues.
Aber nicht hier, sondern woanders.  

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Osterzeit, herzlichst 
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier