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Andacht 2019 10 - Hiob 2 Vers 11

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Oktober 2019 – November 2019)
Als die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte lang und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2, 11; 13).

Liebe Leserinnen und Leser,  

sicherlich kennen Sie die Geschichte Hiobs, fürwahr keine besonders fröhlich Stimmende, aber doch wohl passend zu der Zeit des Jahres auf die wir uns hinbewegen: der November ist die Zeit der Gedenktage.
Am Volkstrauertag denken wir an die Menschen, die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung geworden sind.
Am Totensonntag / Ewigkeitssonntag richten sich unsere Gedanken auf die Menschen aus dem eigenen Umfeld, die zu uns gehörten und nicht mehr da sind. 

Hiob hat den Tod im eigenen Umfeld auch gerade erlebt, und zwar auf eine besonders krasse Weise.
Binnen kurzer Zeit wurden ihm alle seine Lieben genommen.
So steht Hiob sinnbildlich für überaus erschütterndes Leid, für eine persönliche Katastrophenerfahrung, die schlimmer nicht werden kann.  

Hiob hat Freunde, die bei ihm sitzen und in den Versen oben wird beschrieben, wie sie sich verhalten, als sie von Hiobs Unglück erfahren.
Die Bibel sagt: Sie redeten nichts. 

Sie redeten nichts. Das gefällt mir.  
Sie redeten nichts, aber sie sitzen trotzdem bei ihm, sieben Tage und sieben Nächte lang.
Ich finde es wirklich gut, dass die Freunde nichts sagen.
Denn Hiobs Unglück ist wirklich sehr groß, da gibt es keine Worte, die es irgendwie „besser“ oder „kleiner“ machen würden.

Vielleicht erleben sie es selbst auch so: Wenn ich wirklich in Not bin oder ein Unglück erlebt habe, dann ist es zwar grundsätzlich schön, wenn Menschen da sind.
Und sie dürfen gerne auch reden, mir etwas erzählen oder mit mir über ein Thema diskutieren.
Aber eines sollten sie lieber nicht tun: dem Unglück noch eine gute, tröstende Seite abgewinnen wollen.
Es ist besser, es so stehen zu lassen, in all seiner Tragik und Härte und dann vielleicht wirklich erstmal eine Weile zu schweigen, den anderen oder die andere in den Arm zu nehmen und ihm oder ihr zu vermitteln, dass es mir leid tut. 

Das machen Hiobs Freunde.
Dadurch, dass sie sieben Tage und sieben Nächte bei ihm sitzen bleiben, zeigen sie ihm, dass sie seinen Schmerz mittragen.
Aber sie reden ihn nicht weg.
Das geht nämlich nicht.  
Von Hiobs Freunden wird hier erzählt, dass sie schweigen.
Manchmal verhalten sie sich auch ganz anders, das erfahren wir auch im Hiobbuch.
Dann versuchen sie zu erklären, warum Hiob das alles zugestoßen ist.
Sie versuchen, die alte, so oft ins Feld geführte Warum-Frage zu beantworten.
Warum?
Was für eine Frage! 
Was hätte ich davon, wenn ich wüsste, warum mir etwas passiert?

Auf der anderen Seite lässt sich die Warum-Frage ganz einfach beantworten.
Ich erlebe Schweres, weil das Leben so ist.
Unser Leben hier ist nicht befreit von Leiden und Not, auch wenn uns in manchen Zusammenhängen vielleicht vorgegaukelt wird, es wäre „eitel Freud und Sonnenschein“.
Aber weil es das nicht ist, tut es gut Freunde und Freundinnen zu haben, die – wie Hiobs Freunde in den oben zitierten Versen – in der Not das Richtige zu tun wissen.

Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen, wenn Sie in den kommenden Monaten hin und wieder trostbedürftig sind.
Herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier