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Andacht 2020 12 - 1 Könige 8 Vers 12

Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen (1. Könige 8, Vers 12)

Liebe Leserinnen und Leser,

Gott will im Dunkel wohnen.  
Das ist eine Liedzeile aus dem bekannten Adventslied von Jochen Klepper 'Die Nacht ist vorgedrungen.'
Klepper bezieht sich dabei auf eine tatsächliche Aussage Gottes im 1. Königebuch:
Obwohl Gott die Sonne gemacht hat, hat er aber gesagt, dass er im Dunkel wohnen wolle.  
Während ich diese Andacht schreibe, scheint die Novembersonne direkt auf meine Tastatur.
Aber lange wird sie dies nicht mehr tun, ich werde diese Arbeit erst beendet haben, wenn es schon dunkel ist.
Denn es ist die dunkle Jahreszeit, das Tageslicht ist knapp.

Die äußerliche Dunkelheit dieser Tage geht bei manchen Menschen mit einer inneren Dunkelheit einher.
Es gibt die Winterdepression, die mit mangelndem Licht zu tun hat.
Darüber hinaus ist in diesem Jahr sowieso alles anders:
Zwar wird es in der Vorweihnachtszeit wieder die hell erleuchteten Innenstädte geben, den Lichterglanz, der auf das bevorstehende Fest hinweist.
Aber sonst fällt so ziemlich alles aus, was normalerweise ganz eng mit der Adventszeit verbunden ist:
Die Weihnachtsmärkte landauf, landab, die Aufführungen der Kinder, die Adventsfeiern der Vereine, der Betriebe, der Senioren und Seniorinnen unserer Stadt.
Die Konzerte, die Musik. Es wird ein sehr stiller Advent.

Ein stiller Advent: im Trubel und in der Hektik der vergangenen Jahre oft herbeigesehnt, fühlt er sich jetzt merkwürdig an.
Es gibt für Menschen, die wenig soziale Kontakte haben, kaum mehr Begegnungsmöglichkeiten.
Die Isolation und Einsamkeit wächst.
Ist das die innere Dunkelheit, die zur äußeren dazu kommt?
Bei manchen unter uns vielleicht.
Aber auch wer viele Kontakte hat, kann einer inneren Dunkelheit manchmal nicht entfliehen:
Angst und Sorge lassen manchmal kein Licht am Horizont erkennen, sehen keinen Ausweg, lassen keine wirkliche Hoffnung zu.
Ja, ich glaube, das ist innere Dunkelheit, wenn ich das Licht der Hoffnung nicht mehr sehen kann.
Wenn ich einen Menschen oder mich selbst verloren gebe, an einen unglücklich verlaufenden Weg, an die Krankheit.
Oder wenn ich keine Hoffnung mehr für unsere Erde habe, wenn ich es für das Beste halte , keine Kinder mehr in die Welt zu setzen… Das ist Dunkelheit.  

Gott hat ausdrücklich betont, er wolle im Dunkel wohnen.
Was heißt das?
Ich kann es eigentlich nur mit einem Beispiel der äußeren Dunkelheit erklären:
Auf einem Kurztrip in den Norden gelangen wir nach einem Abend in der Stadt plötzlich in die Dunkelheit.
Unser Weg zurück zu unserem Quartier führt durch einen stockdunklen Park, ohne Straßenlaternen, ohne das Licht benachbarter Häuser.
Selbst der Weg ist nicht sofort erkennbar.
"Gut, dass ich hier nicht allein bin", denke ich. "Alleine würde ich das nicht schaffen".
Dadurch, dass wir zu zweit sind, ist meine Angst nicht weg.
Aber ich weiß, wir kommen da durch. Es wird einen Ausweg geben. Und es wird wieder irgendwann auch Licht zu sehen sein.
Diese Erfahrung, nicht allein, sondern in Begleitung eines anderen Menschen in die völlige Dunkelheit geraten zu sein, kann eine Verständnishilfe für Gottes Aussage sein, dass er im Dunkeln wohnen wolle.
Es geht jemand mit. Ich bin nicht allein.
Das nimmt mir meine Angst nicht komplett. Aber es lässt mich weitergehen. Und  ich weiß, ich komm da durch. Ich komme an mein Ziel.
Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu hat es einmal folgendermaßen formuliert:
Hoffnung ist die Fähigkeit zu erkennen, dass es Licht gibt – trotz aller Dunkelheit.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete und behütete Advents- und Weihnachtszeit in der Hoffnung auf ein gesundes Wiedersehen hier oder da im Neuen Jahr,
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier