Andacht 2022 06 - Johannes 15 Vers 5

Liebe Leserinnen und Leser,

angesichts des Krieges in der Ukraine wird vielen von uns bewusst, wie gut es uns geht.
Wir müssen unser Land nicht verlassen, wir leben im Frieden und müssen nicht wochenlang in U-Bahnschächten oder Kellern ausharren, um dann unser Haus völlig zerstört vorzufinden.
Auch wenn wir nicht wissen können, ob uns der Frieden erhalten bleibt, lehren die Bilder des Krieges in vieler Hinsicht Dankbarkeit und auch Bescheidenheit.

„Wenn ich sehe, wieviel Leid über viele Menschen hereingebrochen ist, bin ich zufrieden, dann will ich gar nicht mehr, dann will ich auch gar nicht jammern oder mich beklagen…“

Und doch… manchmal kann auch der Blick auf das Schicksal anderer Menschen die eigene Unzufriedenheit nicht völlig beseitigen.
Andere scheinen manchmal glücklicher zu sein als ich selbst, scheinen das Leben mehr auszukosten, mehr zu erleben…
Es gibt seit einiger Zeit eine Bezeichnung für diese Lebenshaltung, sie heißt FOMO (Fear Of Missing Out).
Das ist die Angst, etwas zu verpassen, nicht genügend vom Leben mitzubekommen.
Es ist wohl auch die Angst, nicht glücklich genug zu sein.

Aber was ist Glück?
Geht es beim Glück um tolle spektakuläre Erlebnisse und auch um die Menge und Vielfalt dieser Erlebnisse?
Geht es um äußerliche Perfektion und Glanz?
Geht es um das, was auf den Fotos zu sehen, die ich dann poste: Eine atemberaubende Kulisse mit strahlenden Menschen davor?

Neulich in Italien hat mir jemand gesagt, dass Glück für ihn gleichbedeutend sei mit fecondità.
Fecondità heißt Fruchtbarkeit.
Mein Gegenüber hat mir dann auch noch genauer erklärt, wie diese Fruchtbarkeit zu verstehen sei:
Ich gebe das, was in mir ist, weiter an andere.
Jeder Mensch hat viele Talente und Schätze in sich.
Jeder und jede von uns ist ein wunderbares Wesen.
Und andere Menschen mit unserem eigenen Wesen zu bereichern, ihnen gut zu tun, mit ihnen unsere Stärken zu teilen, das ist Fruchtbarkeit.
Manchmal spürt man es ja auch tatsächlich, dass etwas ‚herausgeht‘ aus mir selbst zu jemand anderem und ihn oder sie berührt, ihm hilft oder ihr gut tut.
Oder jemand anderes teilt etwas mit mir, was für mich sehr kostbar wird.
Das ist fecondità, Fruchtbarkeit, und ich glaube, in dem Moment, in dem sie spürbar wird, bin ich glücklich.

Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht (Johannes, 15, 5).

Ich wünsche Ihnen allen einen wunderbaren Sommer.

Herzlichst
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier