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Andacht 2022 10 - Jesaja 41 Vers 10a

"Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir" (Jesaja 41, 10a)

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

"Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir."
Diese Worte, die Gott beim Propheten Jesaja sagt, sind vielen von Ihnen sicherlich bekannt.
Ich selbst habe sie schon oft gesprochen, bei Taufen, bei Trauerfeiern oder innerhalb eines Segenswortes, und sie haben mich auch schon oft getröstet und gestärkt.
In den letzten Wochen habe ich jedoch eine Geschichte gelesen, in der mir die Bedeutung dieser Worte wirklich unter die Haut ging.
Es ist die (wahre) Geschichte von Brigitte, einer Frau aus dem Kongo, die mit ihrer Familie, ihrem Mann und ihren vier Kindern in der Hauptstadt Kinshasa lebt und dort - beruflich ist sie Krankenschwester - eine Krankenstation aufgebaut hat.

Eines Abends - kurz bevor sie Feierabend macht – kommen Männer in die Station und wollen sie dazu überreden, einigen Patienten, die zur politischen Opposition gehören, eine tödliche Injektion zu geben.
Brigitte sagt, dass sie Christin sei und sich dazu berufen fühle, Menschen zur Heilung zu verhelfen und nicht sie zu töten.
Die Männer gehen wieder, aber am Abend darauf dringen sie in ihr Haus ein und bringen sie in ihre Gewalt.
Um ihr Leben zu retten, gelingt es ihr irgendwann zu fliehen.
Am Ende des Fluchtweges kommt sie in Italien an, am Hauptbahnhof der Stadt Rom, ohne dass sie weiß, wo sie sich befindet.
Tagelang irrt sie Ende Januar in der Gegend des Bahnhofs herum, ernährt sich aus den Mülltonnen, friert und weint.
Niemand nimmt Notiz von ihr, als sie da tagelang herumstromert.
Kaum jemand spricht sie an.
Abends legt sie sich zu den Obdachlosen auf ein Stück Pappe, das sie auch im Müll gefunden hat.
Sie weiß nicht, wo sie ist, doch sie weiß, dass sie ihre Familie nie wieder sehen wird und niemals in ihr altes Leben zurückkann.
'Ich habe alles verloren', sagt sie sich die ganze Zeit.
Doch als sie sich an einem Abend auf die Pappe legen will, spürt sie plötzlich, dass sie nicht allein ist.
Sie merkt, dass jemand da ist, der zu ihr sagt: "Hab keine Angst, ich bin bei dir."

Als ich diese Stelle und Brigittes Schilderung gelesen habe, habe ich eine Gänsehaut bekommen.
Die plötzliche Gewissheit in der völligen Verzweiflung: Es ist jemand bei mir, neben mir. Ich bin nicht allein.

Zwei Dinge haben mich dabei sehr bewegt.
Einmal diese große Gewissheit von Brigitte, die von einem Moment auf den anderen kommt, dass sie nicht allein ist.
Sie spürt Gott selbst neben sich und weiß, dass sie sich (von nun an) darauf verlassen kann, dass er bei ihr bleibt, sie trägt, führt, beschützt und sie deshalb keine Angst haben muss, wohin ihr Weg auch geht.

Diese Erkenntnis, dieses Wissen, ja diese Gewissheit, die Brigitte von einem Moment zum andern hat… die berührt mich unglaublich.
Und zwar geht mir das deshalb so unter die Haut, weil die Gewissheit der Gegenwart Gottes in einem Moment passiert, in dem sie – buchstäblich – völlig am Boden ist.
Kann ich darauf vertrauen, dass wenn ich selbst, wenn wir selbst in ähnlicher bodenloser Verzweiflung sind, mich, uns die Worte auch so existenziell erreichen, wie sie Brigitte erreicht haben:
"Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir?" "Hab keine Angst, ich bin bei dir?"
Ich weiß es nicht.
Aber ihre Geschichte gibt mir sehr viel Kraft.

Ich grüße Sie alle und wünsche Ihnen alles Gute für die vor uns liegende Zeit, herzlichst
Pfarrerin Margret Noltensmeier