Andacht 2019 06 - Kommt her zu mir alle

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Juni 2019 – Juli 2019)
Jesus sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Liebe Gemeinde,  

eine Einladung zu bekommen ist meistens etwas sehr Schönes, finde ich.
Ich freue mich, wenn jemand an mich denkt und mich gerne bei seiner Feier dabeihaben möchte.
Vielleicht haben Sie es ähnlich wieder erlebt in diesem Sommer, dass die eine oder andere Einladung zu einer Hochzeit oder einem Jubiläum mehr oder weniger überraschend ins Haus geflattert kam.

Umso schmerzlicher oft ist der andere Fall: Wenn ich weiß, dass jemand etwas zu feiern hat und alle sind geladen außer mir selbst.
Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, das viele Menschen mindestens einmal in ihrem Leben so kennen lernen.
Bedeute ich ihm, ihr nichts mehr?
Warum will man gerade auf meine Anwesenheit verzichten?
Bin ich nicht gut genug?  

In anderen Fällen kann eine Einladung aber auch belastend sein: Ach je, mir ist gar nicht zum Feiern zumute und auf einem Fest, da muss ich doch fröhlich sein, sonst verderbe ich den Gastgebenden und Feiernden die Stimmung.
Manchmal fällt es schwer, an einem Fest teilzunehmen.

Davon erzählt auch die Bibel.
Gott wird in der Bibel oftmals in der Gastgeberrolle gesehen.
Er wird als derjenige beschrieben, der einlädt: zum Festmahl, zur Hochzeit.
Und wir lesen, dass die Menschen seiner Einladung hin und wieder nicht nachkommen: Sie haben andere Dinge zu tun.

Gott ist ja auch heute noch Gastgeber.
Er lädt uns ein, in seine Nähe zu kommen, bei ihm zu  bleiben, seinen Worten zu folgen ein Leben lang.

„Wieso machen Sie sich eigentlich so viel Mühe mit den Konfirmanden und Konfirmandinnen, die sind danach doch sowieso weg.“ sagte mir vorhin jemand.
Das hat mich im ersten Moment etwas erschüttert.  
Sie sind dann ja sowieso weg… das höre ich ja immer wieder und würde das niemals bestreiten.
Konfis gehen nach der Konfirmation nicht mehr so regelmäßig in den Gottesdienst wie davor.
Oftmals passiert das erst lange Zeit danach und manchmal sehr lange Zeit danach wieder.
Obwohl ich persönlich davon überzeugt bin, dass Gottesdienste Kraft geben, Stärkung, Verzweiflung lindern, Freude vergrößern, neue Perspektiven eröffnen und vor allem die Nähe Gottes ermöglichen, erlebt nicht jeder Mensch und schon gar nicht jeder Jugendliche dies in unseren traditionellen Gottesdiensten so.

Unsere Gottesdienste sind eine unter anderen Möglichkeiten, Gott nahe zu sein.
Als Gemeinde haben wir die Aufgabe, sie so attraktiv zu gestalten, dass sich Menschen aller Alltagsgruppen mehr und mehr zu ihnen hingezogen fühlen.
Das ist eine große Aufgabe für die Zukunft.
„Was machen Sie sich so viel Mühe mit den Konfirmanden, die kommen doch eh nicht mehr.“
Die Gottesdienste sind das Eine…
Mein primäres Anliegen ist es, dass Jugendliche Gott als jemanden kennenlernen, der sie einlädt und zu ihnen sagt:
Kommt her.
Zu mir könnt Ihr immer kommen.
Ihr seid bei mir willkommen mit allem, was Euch gerade so beschäftigt.
Ich kann verstehen, trösten, ermutigen, verzeihen und vieles mehr.
Und vor allem: Ich nehme und akzeptiere jeden und jede so, wie er, sie ist.

Dass Jugendliche das lernen und verstehen, das ist mir jede Mühe wert.

Ihnen allen wünsche ich in diesem vor uns liegenden Sommer die Erfahrung, dass Gott uns gerade dann „besonders herzlich“ einlädt, wenn wir mühselig und beladen sind.

In diesem Sinne erfüllte und gute Sommermonate,
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2019 04 - Markus 16 Vers 6

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (April 2019 – Mai 2019)
Er ist nicht hier (Markus 16, Vers 6)

Liebe Leser*innen,   

Er ist nicht hier! Sie ist nicht hier!  
Eltern kennen diese Sätze vielleicht von Kindern, die anfangen, sich alleine auf den Weg zu machen.
Zum ersten Mal zu einem Freund oder einer Freundin.
Zur verabredeten Zeit soll das Kind abgeholt werden und dann erfährt man nach dem Klingeln an der Haustür des Freundes: Er ist nicht hier. Sie ist nicht hier.  

Das ist wie ein Erdbeben.  
Meistens klärt sich das auf, nach einigen Minuten oder maximal Stunden des Schrecks.  

Doch der Satz kann eine Erschütterung auslösen: Er ist nicht hier. 
So ist es bei den beiden Frauen, die sich am Ostermorgen zum Grab Jesu aufmachen, bestimmt auch: Jesus ist gestorben vor drei Tagen.
Nun wollen sie ihn noch einmal sehen, zum letzten Mal, Abschied nehmen.
Noch einmal in der Nähe des lieben Menschen sein, seinen Körper spüren, ihn sehen, berühren...was danach kommt, es wird sich zeigen.
Doch dann kommt der Schock: 
Eine Person, die sich vor dem Grab aufhält, sagt:  Er ist nicht hier.  

Was einhergeht mit dem Schock, ist vielleicht die Erfahrung der Leere.
Ich glaube, die meisten von uns haben diese Erfahrung schon gemacht: leer zu sein.  
Viele Menschen ereilt es nach einer großen Anstrengung, nach einer Zeit, in der alle Kräfte auf ein einziges Ziel gerichtet waren. 

Wenn es dann aber erreicht ist das Ziel, dann ist es ganz anders.
Das Erreichte ist anders als das lang Herbeigesehnte.
Fast scheint es, als sei es nichts mehr wert. 
Leere. 

Leere kommt auch manchmal, wenn es darum geht durchzuhalten, weil ich nicht aussteigen kann, aus der Pflege vielleicht oder einem anstrengenden Job.  
Wenn das Ende dann da ist und die Kraft nicht mehr benötigt wird, dann kommt sie, die Leere.
Wofür noch?  
Wofür mich noch einsetzen? 
Und sowieso...war es das alles wert?
Ich bin leer.  

Die Frauen erleben die Leere im wörtlichen Sinn.  
Das Grab ist leer.
Er ist nicht hier.  
Wie es den Frauen geht, können diejenigen vielleicht nachempfinden, die einen lieben Menschen in einem Urnengrab bestattet haben.
Da gibt es eine Woche mindestens, in der der Verstorbene nicht da ist.
Man kann zum Friedhof gehen und das Grab, zumindest die Stelle, ist da.
Aber sonst ist nichts da.
Das Grab ist noch leer.
Oft schon habe ich gehört, dass diese Zeit für Angehörige besonders schwer ist. 

Die Frauen am Grab sind erschüttert, das ist ein Schock, dass der Leichnam nicht mehr da ist und in dieser Fassungslosigkeit haben sie überhaupt keine Erklärung, sehen keinen Weg.
Der Blick ist versperrt, ich habe eine Blockade, nichts bewegt sich vor oder zurück.
In solchen Situationen, das kennen Sie vielleicht auch, kann ich mir nichts selber sagen.
Ich brauche jemanden, der mir etwas sagt.
Manchmal finde ich das faszinierend, wie das geht.
Ich bin noch völlig blockiert und festgefahren, weiß, dass alles, was ich mir überlege und denke, doch nur in eine Sackgasse führt und dann sagt einer oder eine einen einzigen Satz, bringt einen einzigen Gedanken ein...und dann reicht es schon.
Jetzt weiß ich, wie es weiter geht, ich habe eine Idee, danke, das hat mir geholfen!  
Ein anderer muss es mir sagen.  
Ich selber kann es nicht.  

Den Frauen sagt auch der, der auf dem Stein sitzt etwas.
Er ist nicht hier,...er ist… 
Bitte, liebe Frauen, hört euch noch an, was er weiter sagt: Er ist nicht hier, er ist… auferstanden.
Er ist auferstanden, wie er gesagt hat.
Ja, die Frauen scheinen es gehört zu haben.
Denn sie laufen schon vom Grab weg, mit Furcht zwar noch, aber auch mit großer Freude.  

Und dann sehen sie Jesus und sie erkennen, dass er es ist.
Ja, er lebt. Er redet mit ihnen: Seid gegrüßt, sagt er, und sie können ihn sogar berühren, seine Füße umfassen.  
Das ist ein berührender Moment.
Er ist da.
Nein er ist nicht im Grab, und das ist doch auch gut so. 
Er lebt. 

Aber dann ist er auch schon wieder weg.
Auferstanden: Nicht zurückgekommen in das alte Leben.
Nein, er lebt jetzt woanders.   

Das macht es schön und schwer.
Gemischte Gefühle werden erzeugt.
Furcht und Freude.
Die Freude ist da, denn ich weiß es und ahne es nicht nur: Der geliebte Mensch lebt.
Er ist nicht tot und er ist nicht im Grab, er lebt, ich weiß es.  
Aber: er ist nicht hier.  
Das macht es schwer und teilweise unerträglich.

Liane Moriarty, eine australische Bestsellerautorin, kann das auf eindrückliche Weise beschreiben: wie sehr wir einen Menschen vermissen, wenn er nicht mehr da ist.
Da muss es zu Lebzeiten nicht immer nur alles eitel Sonnenschein gewesen sein.
Da kann er oder sie genervt haben, manchmal ohne Ende, da kann er auch gestört haben zuweilen oder sie oder mich behindert haben.
Das alles war so.  
Aber es steht in keinem Verhältnis zu dem, was dann danach ist: Dass ich ihn, dass ich sie vermisse. Und alles darum geben würde, wenn er oder sie wieder da wäre.  
 
Die Frauen wollen Jesus halten, im Leben halten.
Jetzt haben sie ihn schon gesehen, gesprochen, berührt … und dann ist er weg.
Ja, denn er ist auferstanden, er ist nicht hier.
Er ist nicht hier, aber er ist auch nicht weg.
Als die Frauen Jesus begegnen, erkennen sie ihn.
Er ist der Alte.
Aber er ist verwandelt.
Das Alte wird nicht einfach vernichtet.
Sondern es wird verwandelt.
Es lässt sich gar nicht zerstören, nicht durch Feuer, Wasser oder sonst etwas.
Gott macht daraus etwas Neues.
Aber nicht hier, sondern woanders.  

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Osterzeit, herzlichst 
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2019 02 - 1 Korinther 13 Vers 10

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Februar 2019 – März 2019)
Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. (1. Korinther 13, Vers 10)

Liebe Leserinnen und Leser,  

das Jahr ist noch jung, während ich diesen Gemeindebrief schreibe und doch ist bei vielen von uns schon wieder eine Menge passiert.
Und mehr noch: die ruhigen Tage über Weihnachten und den Jahreswechsel scheinen schon wieder seit einer Ewigkeit hinter uns zu liegen (jedenfalls ist das mein Eindruck im Moment).  

Strahlt noch etwas hinein in meinen / unseren Alltag von dem weihnachtlichen Glanz? 
Und was ist mit dem Zauber des Anfangs eines neuen Jahres, der oftmals dazu anleitet, ganz neue Schritte zu gehen oder Dinge zu verändern? 

Neujahrsvorsätze… halten sie bei denjenigen noch, die sie gefasst haben?  
Bei eigenen Vorsätzen merke ich auch häufig, dass sie schwer sind, sie durchzuhalten, weil der Alltag so schnell so vieles überrollt.  
Manchmal ist das frustrierend: ich wollte doch etwas verändern, und heute hat es gleich schon nicht geklappt… Ich probiere es am nächsten Tag und ich bin zufrieden, doch schon am übernächsten kommt alles wieder ganz anders.
Und überhaupt: ein ganzes neues Jahr liegt da vor mir, so viel Zeit… und was schaffe ich?
Viel zu wenig nach eigenem Ermessen.

Regelmäßig ist das auch am Ende eines jeden Tages zu entdecken: Wieder nicht das geschafft, was ich mir vorgenommen habe.
Alles noch nicht zu Ende, noch nicht fertig.  

Alles noch nicht zu Ende, noch nicht fertig. Das ist die Beschreibung für unser Leben.
Es gibt keine Vollkommenheit hier.
Selbst wenn ich nach Perfektionismus strebe, bleibt alles, was ich schaffe, doch hinter der Vollkommenheit zurück.  

Unser Leben ist Stückwerk, sagt Paulus.
Das Vollkommene gibt es erst woanders, da, wo wir noch nicht angekommen sind.  

Nichts kann vollkommen sein.
Ist das nicht sehr tröstlich?
Wenn unser Leben bruchstückhaft und fragmentarisch ist, wenn das sowieso die Idee, meines, unseres Lebens ist, sollte ich dann nicht sagen: Seid willkommen alle meine Bruchstücke.
Ich akzeptiere euch und versuche, euch zu lieben.
Denn ihr seid mein Leben.  
Seid willkommen alle meine Bruchstücke!

Neujahrsvorsätze sind leichter zu verwirklichen, wenn sie niederschwellig sind und keines großen Aufwandes bedürfen.
Wäre das nicht ein Vorsatz?  
Zu versuchen, das womit ich eigentlich unzufrieden wäre, willkommen zu heißen und als Teil meines Lebens an- und aufzunehmen? 

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Neues Jahr 2019.
Herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2018 12 - Hebräer 10 Vers 24

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Dezember 2018 - Januar 2019)
Lasst uns aufeinander achthaben und uns zur Liebe anreizen und zu guten Werken. (Hebräer 10, Vers 24)

Liebe Leserinnen und Leser,

…aufeinander achthaben…, das erinnert an eine Haltung, die von vielen Menschen auch in unserer Gesellschaft mehr und mehr als wichtig angesehen wird: die Haltung der Achtsamkeit.
Es ist gut, sich in Achtsamkeit zu üben, Dingen gegenüber, der Schöpfung und vor allem Menschen gegenüber.

Manchmal erkenne ich aber- je mehr ich mich darin üben will- wie unachtsam ich dennoch jeden Tag bin.
Es passieren dann Dinge -aus Unachtsamkeit-, die ich nicht mehr rückgängig machen kann, die jemand anderem dann auch sehr weh tun.
Obwohl ich es nicht gewollt habe.

Manchmal habe ich mich aber auch mit der Unachtsamkeit eines Mitmenschen auseinander zu setzen.
Vielleicht kennen Sie das: Sie sitzen an einem Tisch mit anderen, einige kennen Sie mehr, die anderen weniger.
Aber das Gespräch ist nett und die Leute sind Ihnen durchweg sympathisch.
Doch plötzlich haut Ihr Nebenmann oder Ihre Nebenfrau etwas heraus, was einen anderen am Tisch sehr treffen könnte.
Mir gefällt der Ausdruck „raushauen“, weil tatsächlich etwas losgehauen, abgetrennt wird, was lieber hätte „drin“ bleiben sollen.
Also die Person neben Ihnen haut etwas raus und Sie möchten am liebsten in Grund und Boden versinken.
Sie schämen sich fremd und für den Menschen, den es trifft, ist es Ihnen ungeheuer peinlich.

Dabei ist der oder die, die die Sache „rausgehauen“ hat, eigentlich eine Seele von Mensch.
Er oder sie war „nur“ unachtsam, den Anderen und vor allem auch dem Gebrauch der Sprache und den benutzten Worten gegenüber.
 
Ja, Achtsamkeit der Sprache gegenüber, die ich wähle, ist ein nächstes großes Thema.
So ist es nun, eine Unachtsamkeit, sie ist nicht mehr rückgängig zu machen, sie ist geschehen.

Manchmal können wir sie nur so stehen lassen und darauf vertrauen, dass Nachsicht, Vergebung und auch das Vergessen wirksam sind und ihren Weg finden.

Trotz sollen wir aber nicht nachlassen, aufeinander achtzuhaben und uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und einen friedlichen und behüteten Jahreswechsel,
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2018 10 - Offen für das Leben

Andacht von Margot Käßmann (Oktober - November 2018)
Offen für das Leben

Ein schöner Tag kann ein Tag sein, der einfach gelebt wurde.
Das ist Schönheit im Moment, das Spüren des Lebens, die Wahrnehmung der Natur, ein Lachen, das aus der Tiefe kommt.

Ja, und da ist die Schönheit des Menschen: Aber sie zeigt sich nicht in Body-Maß-Index-Einheiten.
Ein schöner Mensch – voller fröhlicher Energie.
Ein Mensch, der etwas weiß und zeigt vom Leben in aller Tiefe.

Schönheit ist die Eigenheit jedes Menschen, geschaffen von Gott. 
Alle verschieden.
Der kleine behinderte Junge und das Model, der rundliche Mann und die alte Dame, die mit der krummen Nase und der mit den breiten Ohren.

Ich empfinde ein Mädchen mit Down-Syndrom schön, weil sie etwas spüren lässt von der Liebe zum Leben, vom Glücklichsein.

Schön ist auch ein Tag, an dem ich etwas geben konnte, an dem ich für jemanden wichtig war, oder ein Tag, an den ich gern zurückdenke.

Schön ist ein Moment der Stille am Meer.
Einklang mit der Natur.
Harmonie mit einem Menschen.

Warum nur müssen wir alles normieren, angleichen, anpassen, gleichmachen, klonen, damit es einem Ideal entspricht, das sich ja doch immer wieder verändert?
Schönheit ist Individualität.
Schönheit strahlt aus dem Mann, der eine wunderbare Erfahrung gemacht hat.
Schönheit leuchtet aus der Frau, die Liebe gespürt hat und Liebe geben konnte.

In der Bibel sehe ich solche Schönheit, wenn Menschen angesehen werden durch Jesus, mit den Augen der Liebe, und so „angesehene Menschen“ werden.
 
Schönheit ist wunderschön!
Ich wünschte, wir hätten die Freiheit, sie im Alltag zu entdecken.
Dann wären wir wohl auch wieder offen für das Wunder des Lebens, das jeden Tag neu geschenkt wird.

Margot Käßmann

Andacht 2018 08 - Reisezeit

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (August - September 2018)

Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt ist Urlaubszeit und Reisezeit.

Viele Menschen erzählen mir, dass sie sich gerade im Urlaub Zeit nehmen, verschiedene Kirchen zu besichtigen und manchmal sogar in „jede Kirche gehen“, die am Weg liegt.
Unsere eigene Kirche kann auch von den vielen Menschen erzählen, die sie in den Sommermonaten besuchen, das Gästebuch, das in ihr ausliegt, gibt manchmal etwas von deren Gedanken und Erlebnissen wieder.
Es schreiben Menschen in das Gästebuch, die unterwegs sind und sich dem Raum unserer schönen Kirche öffnen wollen, aber manchmal scheint es bei ihren Einträgen auch so, als hätten sie bewusst gerade diesen Ort aufgesucht: als Ort, der ihnen gerade in diesem Moment, in einer speziellen Lebenssituation, Kraft gibt.
Ich glaube, dass der Kirchenraum dazu verhelfen kann, sich selbst ganz nahe zu kommen.

Viele Menschen sagen: wenn ich eine Kirche betrete und dann vielleicht noch eine bestimmte Musik gespielt wird, kommen mir meistens die Tränen.
Tränen sind ja bei weitem nicht nur ein Ausdruck für Traurigkeit, sondern das Zeichen dafür, dass etwas Wesentliches in mir angesprochen wird.
Wenn mir die Tränen kommen, kann das bedeuten, dass ich zu meinem Inneren, meinem Wesentlichen gelangt bin.
Es gibt Therapeutinnen, Berater und Seelsorgerinnen, die die Gabe haben, ihre Gesprächspartner recht schnell genau dahin zu führen.

In der Bibel wird auch oft von Menschen erzählt, die weinen, weil sie bei sich selbst und einer tiefen Erkenntnis über ihr Leben angelangt sind.
Zum Beispiel gibt es die Geschichte von Josef, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde, weil sie auf ihn - den Lieblingssohn des Vaters- eifersüchtig waren.
Josef macht in Ägypten Karriere und auf verschlungenen Wegen kommt es auch nach vielen Jahren zu einem Wiedersehen und – vor allem! – zu einer Aussöhnung mit den Brüdern.
Die Josefsgeschichte endet im Grunde damit, dass Josef weint.
Aber seine Tränen bedeuten nicht, dass er vor lauter Verzweiflung über die schlimmen Erfahrungen der Vergangenheit weint.
Nein, Josef ist zu Tränen gerührt, weil er zu dem Kern seiner Lebenserfahrung kommt.
Diese ist festgehalten in dem bekannten Satz der Josefsgeschichte: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut mit mir zu machen.

Gott gedenkt es gut mit uns zu machen… in allem, was uns sonst so widerfährt.
Diese Erkenntnis rührt häufig zu Tränen.

Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen noch schöne Tage in diesem „Jahrhundertsommer“,
Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2018 06 - Matthäus 6 Vers 31

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Juni - Juli 2018)
Darum sollt Ihr nicht sorgen… (Matthäus 6, 31 a.c)

Liebe Leserinnen und Leser,

das ist einer meiner Lieblingsabschnitte in der Bibel: Der Aufruf Jesu, dass wir uns keine Sorgen machen sollen.

Ich lasse mich einfach – wenn ich mich selbst sorgenschwer erlebe - in diese Worte hineinfallen und denke: Gott weiß, was ich brauche und wird für mich sorgen.

In seiner Rede über die Sorgen wird Jesus aber an manchen Stellen konkreter: Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: …Womit sollen wir uns kleiden?
Ich denke, dass die Kleidung hier - genauso wie der Hinweis auf Essen und Trinken kurz zuvor - stellvertretend für das Lebensnotwendige steht.

Und ich mache ja auch die Erfahrung, dass ich – anders als Menschen in anderen Gegenden dieser Welt - tatsächlich das, was ich zum Leben brauche, oft sogar im Überfluss habe: Essen, Trinken, Kleidung.
Ich muss mir darum keine Sorgen machen.

Trotzdem – und das geht jetzt gewiss von der Zielrichtung, die Jesus dabeihat, ein bisschen weg - bin ich der Meinung, dass wir Sorge dafür tragen sollten, wie wir uns kleiden.
Ich kann mich nicht jeden Tag gleich kleiden, sondern muss darüber nachdenken, ob meine Kleidung zu dem jeweiligen Anlass passt.
Manchmal gibt der berufliche Zusammenhang sowieso einen bestimmten Dresscode vor.

Die Umgebung bestimmt doch oft die Art, wie ich mich kleiden soll.
Ich schäme bzw. fremdschäme mich zum Beispiel, wenn westliche Touristen in Ländern, in denen es üblich ist, den Körper zu bedecken, in Hot Pants und Spaghettitops herumlaufen.
Das ist respektlos gegenüber dem Gastland.

Was ich sehr schade finde, ist das in unserer Gesellschaft – so scheint es mir jedenfalls – der Unterschied zwischen dem Alltagsoutfit und der Kleidung für besondere Anlässe zunehmend verwischt.
Im Theater, in der Oper oder im Musical fällt mir oft auch, dass Menschen sich dafür nicht mehr extra „in Schale werfen“.
Sicherlich, das vereinfacht die ganze Sache oft.
Da viele Menschen sehr viel zu tun haben, bedeutet es weniger Stress, wenn ich gleich aus meinem Alltag nahtlos zum besonderen Kulturprogramm übergehen kann.
Trotzdem geht dadurch meines Erachtens etwas verloren: dass der Anlass wirklich etwas Herausgehobenes, nicht Alltägliches ist, dem ich durch meine Kleidung Ausdruck verleihe.

In ähnlicher Weise verändern sich die Gebräuche bei Beerdigungen und Trauerfeiern.
Manchmal schreiben Angehörige in die Traueranzeige: „Auf Wunsch von ….bitten wir, von Trauerkleidung abzusehen“.
Diesem Wunsch eines Verstorbenen ist meiner Meinung nach selbstverständlich entgegenzukommen.
Darüber hinaus gibt es – so erlebe ich es hin und wieder – aber auch Sterbefälle, zu denen keine schwarze Kleidung passt.
Das mag begründet liegen im Wesen des Verstorbenen, in der Art, wie er oder sie gestorben ist und vielem mehr.
Und sicherlich ist das, was ich dann anziehe, auch mit viel Überlegung und Nachdenken ausgewählt.

Aber abgesehen davon und im Zweifelsfall kann ich trotzdem dem „Schwarz“ sehr viel abgewinnen.
Auch wenn ich nicht selbst betroffen bin, so drücke ich durch meine Kleidung meinen Beistand und meine Solidarität mit denen aus, die einen Menschen verloren haben und für die dies auf einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben hinweist.
Ich fände es schade, wenn gar nicht mehr sichtbar würde, dass der Tod etwas Besonderes ist in unserem Leben.
Und wenn es mich trifft, dann könnte ich mir vorstellen, dass – wenn ich es äußerlich markiere - es mir hilft, es innerlich zu verarbeiten.

Darum sollt Ihr nicht sorgen und sagen: … Womit sollen wir uns kleiden? 
Wenn uns nun schon die Sorge um das „Dass“ der Kleidung abgenommen ist, so ist es vielleicht umso wichtiger, Sorgfalt auf das „Wie“ zu verwenden.

Ich grüße Sie herzlich, Pfarrerin Margret Noltensmeier