Andacht 2019 12 - Jesaja 7 Vers 13

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Dezember 2019 – Januar 2020)
Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht, müsst ihr auch meinen Gott müde machen (Jesaja 7, Vers 13)

Liebe Leserinnen und Leser,  

sind Sie auch des Öfteren schon mitten am Tag müde?
Gerade in diesen letzten Tagen und Wochen des Jahres trifft die Müdigkeit wohl das Lebensgefühl vieler Menschen:
Im Beruf geht ein langes anstrengendes Jahr zu Ende und am Arbeitsplatz oder auch in der Schule und an den Unis muss gerade vor Jahresende noch viel erledigt, fertig gestellt und geschafft werden.
Viel länger – so scheint es – wäre der Stress nicht durchzuhalten.

Gut, dass dann irgendwann Weihnachten ist und das ganze System auf Entspannung schalten kann.  
Müdigkeit ist aber nicht nur körperlich bedingt oder durch Stress ausgelöst, sondern kann auch andere Ursachen haben.

Es gibt meines Erachtens eine Müdigkeit, die durch Enttäuschung entsteht:
So lange habe ich gehofft, so lange habe ich immer wieder Vertrauen gehabt, so lange habe ich einer Veränderung der Lage entgegengefiebert, und was ist jetzt?
Alles genau wie vorher oder noch viel schlimmer.
Ich kann nicht mehr, ich erwarte nichts mehr.
Es muss mir niemand mehr sagen, dass alles wieder gut wird, ich kann es nicht mehr hören, ich bin müde.

Der Prophet Jesaja behauptet, dass auch Gott müde werden kann.
Gott wird auch müde, wenn er enttäuscht ist, sagt der Prophet.
Und wir Menschen enttäuschen ihn, wenn wir nicht mehr an seine Zeichen und Wunder glauben, ihm nichts mehr zutrauen.

Aber das ist doch manchmal auch sehr schwer, oder?
Wie soll ich noch daran glauben, dass ein Wunder geschieht, wenn die ärztlichen Prognosen etwas ganz anderes beinhalten?
Wie kann ich noch Hoffnung haben, für Menschen, die tief in die Sucht gerutscht sind?
Welche Hoffnung gibt es noch für die Rettung unserer Umwelt, gegen das Sterben der Bäume, der Meere?

Es gibt Tage, da kann ich nicht mehr glauben, dass alles noch einmal anders, gut wird.
Dazu bin ich zu müde, daran zu glauben, dass Gott Zeichen und Wunder tut.  

Zu Weihnachten geschieht etwas Wunderbares: Eine junge Frau bringt ein Kind zur Welt.
Das geschieht zwar immer wieder, immer wieder werden junge Frauen schwanger und gebären ein Kind.
Es ist zwar Alltag, aber trotzdem ist es ein Wunder.

So sind die Zeichen Gottes: Sie passieren mitten im Alltag und sind trotzdem unglaublich.

Wenn wir das zu Ende gehende Jahr an uns vorüberziehen lassen, steht uns vielleicht doch im Rückblick vor Augen, wie unermüdlich Gott seine Zeichen gesetzt hat: im Alltag.
Vielleicht habe ich gespürt, dass er plötzlich da war, als ich ihn nicht erwartet habe.
Und das ist vielleicht wirklich ein großes Wunder: dass Gott immer an unserer Seite sein will:
Denn Menschen, die wir lieben, gehen zwar oft mit uns. Aber es gibt manche Situationen, da können sie nicht mit.
Durch manches muss ich alleine durch, da kann niemand mitgehen.

Das Mitsein der Menschen, auch meiner Liebsten, ist begrenzt.
Gott hingegen ist grenzenlos mit uns, alle Tage und während er bei uns ist, geschehen möglicherweise manchmal Wunder.  

Darum können wir Hilde Domins Gedicht immer wieder bedenken, ein wahres Weihnachtsgedicht, wie ich finde:
Nicht müde werden sondern leise dem Wunder wie einem Vogel die Hand hinhalten.

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Advent und Weihnachten sowie für den Jahreswechsel und das Neue Jahr. 
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2019 10 - Hiob 2 Vers 11

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Oktober 2019 – November 2019)
Als die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte lang und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2, 11; 13).

Liebe Leserinnen und Leser,  

sicherlich kennen Sie die Geschichte Hiobs, fürwahr keine besonders fröhlich Stimmende, aber doch wohl passend zu der Zeit des Jahres auf die wir uns hinbewegen: der November ist die Zeit der Gedenktage.
Am Volkstrauertag denken wir an die Menschen, die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung geworden sind.
Am Totensonntag / Ewigkeitssonntag richten sich unsere Gedanken auf die Menschen aus dem eigenen Umfeld, die zu uns gehörten und nicht mehr da sind. 

Hiob hat den Tod im eigenen Umfeld auch gerade erlebt, und zwar auf eine besonders krasse Weise.
Binnen kurzer Zeit wurden ihm alle seine Lieben genommen.
So steht Hiob sinnbildlich für überaus erschütterndes Leid, für eine persönliche Katastrophenerfahrung, die schlimmer nicht werden kann.  

Hiob hat Freunde, die bei ihm sitzen und in den Versen oben wird beschrieben, wie sie sich verhalten, als sie von Hiobs Unglück erfahren.
Die Bibel sagt: Sie redeten nichts. 

Sie redeten nichts. Das gefällt mir.  
Sie redeten nichts, aber sie sitzen trotzdem bei ihm, sieben Tage und sieben Nächte lang.
Ich finde es wirklich gut, dass die Freunde nichts sagen.
Denn Hiobs Unglück ist wirklich sehr groß, da gibt es keine Worte, die es irgendwie „besser“ oder „kleiner“ machen würden.

Vielleicht erleben sie es selbst auch so: Wenn ich wirklich in Not bin oder ein Unglück erlebt habe, dann ist es zwar grundsätzlich schön, wenn Menschen da sind.
Und sie dürfen gerne auch reden, mir etwas erzählen oder mit mir über ein Thema diskutieren.
Aber eines sollten sie lieber nicht tun: dem Unglück noch eine gute, tröstende Seite abgewinnen wollen.
Es ist besser, es so stehen zu lassen, in all seiner Tragik und Härte und dann vielleicht wirklich erstmal eine Weile zu schweigen, den anderen oder die andere in den Arm zu nehmen und ihm oder ihr zu vermitteln, dass es mir leid tut. 

Das machen Hiobs Freunde.
Dadurch, dass sie sieben Tage und sieben Nächte bei ihm sitzen bleiben, zeigen sie ihm, dass sie seinen Schmerz mittragen.
Aber sie reden ihn nicht weg.
Das geht nämlich nicht.  
Von Hiobs Freunden wird hier erzählt, dass sie schweigen.
Manchmal verhalten sie sich auch ganz anders, das erfahren wir auch im Hiobbuch.
Dann versuchen sie zu erklären, warum Hiob das alles zugestoßen ist.
Sie versuchen, die alte, so oft ins Feld geführte Warum-Frage zu beantworten.
Warum?
Was für eine Frage! 
Was hätte ich davon, wenn ich wüsste, warum mir etwas passiert?

Auf der anderen Seite lässt sich die Warum-Frage ganz einfach beantworten.
Ich erlebe Schweres, weil das Leben so ist.
Unser Leben hier ist nicht befreit von Leiden und Not, auch wenn uns in manchen Zusammenhängen vielleicht vorgegaukelt wird, es wäre „eitel Freud und Sonnenschein“.
Aber weil es das nicht ist, tut es gut Freunde und Freundinnen zu haben, die – wie Hiobs Freunde in den oben zitierten Versen – in der Not das Richtige zu tun wissen.

Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen, wenn Sie in den kommenden Monaten hin und wieder trostbedürftig sind.
Herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2019 06 - Kommt her zu mir alle

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Juni 2019 – Juli 2019)
Jesus sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Liebe Gemeinde,  

eine Einladung zu bekommen ist meistens etwas sehr Schönes, finde ich.
Ich freue mich, wenn jemand an mich denkt und mich gerne bei seiner Feier dabeihaben möchte.
Vielleicht haben Sie es ähnlich wieder erlebt in diesem Sommer, dass die eine oder andere Einladung zu einer Hochzeit oder einem Jubiläum mehr oder weniger überraschend ins Haus geflattert kam.

Umso schmerzlicher oft ist der andere Fall: Wenn ich weiß, dass jemand etwas zu feiern hat und alle sind geladen außer mir selbst.
Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, das viele Menschen mindestens einmal in ihrem Leben so kennen lernen.
Bedeute ich ihm, ihr nichts mehr?
Warum will man gerade auf meine Anwesenheit verzichten?
Bin ich nicht gut genug?  

In anderen Fällen kann eine Einladung aber auch belastend sein: Ach je, mir ist gar nicht zum Feiern zumute und auf einem Fest, da muss ich doch fröhlich sein, sonst verderbe ich den Gastgebenden und Feiernden die Stimmung.
Manchmal fällt es schwer, an einem Fest teilzunehmen.

Davon erzählt auch die Bibel.
Gott wird in der Bibel oftmals in der Gastgeberrolle gesehen.
Er wird als derjenige beschrieben, der einlädt: zum Festmahl, zur Hochzeit.
Und wir lesen, dass die Menschen seiner Einladung hin und wieder nicht nachkommen: Sie haben andere Dinge zu tun.

Gott ist ja auch heute noch Gastgeber.
Er lädt uns ein, in seine Nähe zu kommen, bei ihm zu  bleiben, seinen Worten zu folgen ein Leben lang.

„Wieso machen Sie sich eigentlich so viel Mühe mit den Konfirmanden und Konfirmandinnen, die sind danach doch sowieso weg.“ sagte mir vorhin jemand.
Das hat mich im ersten Moment etwas erschüttert.  
Sie sind dann ja sowieso weg… das höre ich ja immer wieder und würde das niemals bestreiten.
Konfis gehen nach der Konfirmation nicht mehr so regelmäßig in den Gottesdienst wie davor.
Oftmals passiert das erst lange Zeit danach und manchmal sehr lange Zeit danach wieder.
Obwohl ich persönlich davon überzeugt bin, dass Gottesdienste Kraft geben, Stärkung, Verzweiflung lindern, Freude vergrößern, neue Perspektiven eröffnen und vor allem die Nähe Gottes ermöglichen, erlebt nicht jeder Mensch und schon gar nicht jeder Jugendliche dies in unseren traditionellen Gottesdiensten so.

Unsere Gottesdienste sind eine unter anderen Möglichkeiten, Gott nahe zu sein.
Als Gemeinde haben wir die Aufgabe, sie so attraktiv zu gestalten, dass sich Menschen aller Alltagsgruppen mehr und mehr zu ihnen hingezogen fühlen.
Das ist eine große Aufgabe für die Zukunft.
„Was machen Sie sich so viel Mühe mit den Konfirmanden, die kommen doch eh nicht mehr.“
Die Gottesdienste sind das Eine…
Mein primäres Anliegen ist es, dass Jugendliche Gott als jemanden kennenlernen, der sie einlädt und zu ihnen sagt:
Kommt her.
Zu mir könnt Ihr immer kommen.
Ihr seid bei mir willkommen mit allem, was Euch gerade so beschäftigt.
Ich kann verstehen, trösten, ermutigen, verzeihen und vieles mehr.
Und vor allem: Ich nehme und akzeptiere jeden und jede so, wie er, sie ist.

Dass Jugendliche das lernen und verstehen, das ist mir jede Mühe wert.

Ihnen allen wünsche ich in diesem vor uns liegenden Sommer die Erfahrung, dass Gott uns gerade dann „besonders herzlich“ einlädt, wenn wir mühselig und beladen sind.

In diesem Sinne erfüllte und gute Sommermonate,
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2019 04 - Markus 16 Vers 6

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (April 2019 – Mai 2019)
Er ist nicht hier (Markus 16, Vers 6)

Liebe Leser*innen,   

Er ist nicht hier! Sie ist nicht hier!  
Eltern kennen diese Sätze vielleicht von Kindern, die anfangen, sich alleine auf den Weg zu machen.
Zum ersten Mal zu einem Freund oder einer Freundin.
Zur verabredeten Zeit soll das Kind abgeholt werden und dann erfährt man nach dem Klingeln an der Haustür des Freundes: Er ist nicht hier. Sie ist nicht hier.  

Das ist wie ein Erdbeben.  
Meistens klärt sich das auf, nach einigen Minuten oder maximal Stunden des Schrecks.  

Doch der Satz kann eine Erschütterung auslösen: Er ist nicht hier. 
So ist es bei den beiden Frauen, die sich am Ostermorgen zum Grab Jesu aufmachen, bestimmt auch: Jesus ist gestorben vor drei Tagen.
Nun wollen sie ihn noch einmal sehen, zum letzten Mal, Abschied nehmen.
Noch einmal in der Nähe des lieben Menschen sein, seinen Körper spüren, ihn sehen, berühren...was danach kommt, es wird sich zeigen.
Doch dann kommt der Schock: 
Eine Person, die sich vor dem Grab aufhält, sagt:  Er ist nicht hier.  

Was einhergeht mit dem Schock, ist vielleicht die Erfahrung der Leere.
Ich glaube, die meisten von uns haben diese Erfahrung schon gemacht: leer zu sein.  
Viele Menschen ereilt es nach einer großen Anstrengung, nach einer Zeit, in der alle Kräfte auf ein einziges Ziel gerichtet waren. 

Wenn es dann aber erreicht ist das Ziel, dann ist es ganz anders.
Das Erreichte ist anders als das lang Herbeigesehnte.
Fast scheint es, als sei es nichts mehr wert. 
Leere. 

Leere kommt auch manchmal, wenn es darum geht durchzuhalten, weil ich nicht aussteigen kann, aus der Pflege vielleicht oder einem anstrengenden Job.  
Wenn das Ende dann da ist und die Kraft nicht mehr benötigt wird, dann kommt sie, die Leere.
Wofür noch?  
Wofür mich noch einsetzen? 
Und sowieso...war es das alles wert?
Ich bin leer.  

Die Frauen erleben die Leere im wörtlichen Sinn.  
Das Grab ist leer.
Er ist nicht hier.  
Wie es den Frauen geht, können diejenigen vielleicht nachempfinden, die einen lieben Menschen in einem Urnengrab bestattet haben.
Da gibt es eine Woche mindestens, in der der Verstorbene nicht da ist.
Man kann zum Friedhof gehen und das Grab, zumindest die Stelle, ist da.
Aber sonst ist nichts da.
Das Grab ist noch leer.
Oft schon habe ich gehört, dass diese Zeit für Angehörige besonders schwer ist. 

Die Frauen am Grab sind erschüttert, das ist ein Schock, dass der Leichnam nicht mehr da ist und in dieser Fassungslosigkeit haben sie überhaupt keine Erklärung, sehen keinen Weg.
Der Blick ist versperrt, ich habe eine Blockade, nichts bewegt sich vor oder zurück.
In solchen Situationen, das kennen Sie vielleicht auch, kann ich mir nichts selber sagen.
Ich brauche jemanden, der mir etwas sagt.
Manchmal finde ich das faszinierend, wie das geht.
Ich bin noch völlig blockiert und festgefahren, weiß, dass alles, was ich mir überlege und denke, doch nur in eine Sackgasse führt und dann sagt einer oder eine einen einzigen Satz, bringt einen einzigen Gedanken ein...und dann reicht es schon.
Jetzt weiß ich, wie es weiter geht, ich habe eine Idee, danke, das hat mir geholfen!  
Ein anderer muss es mir sagen.  
Ich selber kann es nicht.  

Den Frauen sagt auch der, der auf dem Stein sitzt etwas.
Er ist nicht hier,...er ist… 
Bitte, liebe Frauen, hört euch noch an, was er weiter sagt: Er ist nicht hier, er ist… auferstanden.
Er ist auferstanden, wie er gesagt hat.
Ja, die Frauen scheinen es gehört zu haben.
Denn sie laufen schon vom Grab weg, mit Furcht zwar noch, aber auch mit großer Freude.  

Und dann sehen sie Jesus und sie erkennen, dass er es ist.
Ja, er lebt. Er redet mit ihnen: Seid gegrüßt, sagt er, und sie können ihn sogar berühren, seine Füße umfassen.  
Das ist ein berührender Moment.
Er ist da.
Nein er ist nicht im Grab, und das ist doch auch gut so. 
Er lebt. 

Aber dann ist er auch schon wieder weg.
Auferstanden: Nicht zurückgekommen in das alte Leben.
Nein, er lebt jetzt woanders.   

Das macht es schön und schwer.
Gemischte Gefühle werden erzeugt.
Furcht und Freude.
Die Freude ist da, denn ich weiß es und ahne es nicht nur: Der geliebte Mensch lebt.
Er ist nicht tot und er ist nicht im Grab, er lebt, ich weiß es.  
Aber: er ist nicht hier.  
Das macht es schwer und teilweise unerträglich.

Liane Moriarty, eine australische Bestsellerautorin, kann das auf eindrückliche Weise beschreiben: wie sehr wir einen Menschen vermissen, wenn er nicht mehr da ist.
Da muss es zu Lebzeiten nicht immer nur alles eitel Sonnenschein gewesen sein.
Da kann er oder sie genervt haben, manchmal ohne Ende, da kann er auch gestört haben zuweilen oder sie oder mich behindert haben.
Das alles war so.  
Aber es steht in keinem Verhältnis zu dem, was dann danach ist: Dass ich ihn, dass ich sie vermisse. Und alles darum geben würde, wenn er oder sie wieder da wäre.  
 
Die Frauen wollen Jesus halten, im Leben halten.
Jetzt haben sie ihn schon gesehen, gesprochen, berührt … und dann ist er weg.
Ja, denn er ist auferstanden, er ist nicht hier.
Er ist nicht hier, aber er ist auch nicht weg.
Als die Frauen Jesus begegnen, erkennen sie ihn.
Er ist der Alte.
Aber er ist verwandelt.
Das Alte wird nicht einfach vernichtet.
Sondern es wird verwandelt.
Es lässt sich gar nicht zerstören, nicht durch Feuer, Wasser oder sonst etwas.
Gott macht daraus etwas Neues.
Aber nicht hier, sondern woanders.  

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Osterzeit, herzlichst 
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2019 02 - 1 Korinther 13 Vers 10

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Februar 2019 – März 2019)
Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. (1. Korinther 13, Vers 10)

Liebe Leserinnen und Leser,  

das Jahr ist noch jung, während ich diesen Gemeindebrief schreibe und doch ist bei vielen von uns schon wieder eine Menge passiert.
Und mehr noch: die ruhigen Tage über Weihnachten und den Jahreswechsel scheinen schon wieder seit einer Ewigkeit hinter uns zu liegen (jedenfalls ist das mein Eindruck im Moment).  

Strahlt noch etwas hinein in meinen / unseren Alltag von dem weihnachtlichen Glanz? 
Und was ist mit dem Zauber des Anfangs eines neuen Jahres, der oftmals dazu anleitet, ganz neue Schritte zu gehen oder Dinge zu verändern? 

Neujahrsvorsätze… halten sie bei denjenigen noch, die sie gefasst haben?  
Bei eigenen Vorsätzen merke ich auch häufig, dass sie schwer sind, sie durchzuhalten, weil der Alltag so schnell so vieles überrollt.  
Manchmal ist das frustrierend: ich wollte doch etwas verändern, und heute hat es gleich schon nicht geklappt… Ich probiere es am nächsten Tag und ich bin zufrieden, doch schon am übernächsten kommt alles wieder ganz anders.
Und überhaupt: ein ganzes neues Jahr liegt da vor mir, so viel Zeit… und was schaffe ich?
Viel zu wenig nach eigenem Ermessen.

Regelmäßig ist das auch am Ende eines jeden Tages zu entdecken: Wieder nicht das geschafft, was ich mir vorgenommen habe.
Alles noch nicht zu Ende, noch nicht fertig.  

Alles noch nicht zu Ende, noch nicht fertig. Das ist die Beschreibung für unser Leben.
Es gibt keine Vollkommenheit hier.
Selbst wenn ich nach Perfektionismus strebe, bleibt alles, was ich schaffe, doch hinter der Vollkommenheit zurück.  

Unser Leben ist Stückwerk, sagt Paulus.
Das Vollkommene gibt es erst woanders, da, wo wir noch nicht angekommen sind.  

Nichts kann vollkommen sein.
Ist das nicht sehr tröstlich?
Wenn unser Leben bruchstückhaft und fragmentarisch ist, wenn das sowieso die Idee, meines, unseres Lebens ist, sollte ich dann nicht sagen: Seid willkommen alle meine Bruchstücke.
Ich akzeptiere euch und versuche, euch zu lieben.
Denn ihr seid mein Leben.  
Seid willkommen alle meine Bruchstücke!

Neujahrsvorsätze sind leichter zu verwirklichen, wenn sie niederschwellig sind und keines großen Aufwandes bedürfen.
Wäre das nicht ein Vorsatz?  
Zu versuchen, das womit ich eigentlich unzufrieden wäre, willkommen zu heißen und als Teil meines Lebens an- und aufzunehmen? 

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Neues Jahr 2019.
Herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2018 12 - Hebräer 10 Vers 24

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Dezember 2018 - Januar 2019)
Lasst uns aufeinander achthaben und uns zur Liebe anreizen und zu guten Werken. (Hebräer 10, Vers 24)

Liebe Leserinnen und Leser,

…aufeinander achthaben…, das erinnert an eine Haltung, die von vielen Menschen auch in unserer Gesellschaft mehr und mehr als wichtig angesehen wird: die Haltung der Achtsamkeit.
Es ist gut, sich in Achtsamkeit zu üben, Dingen gegenüber, der Schöpfung und vor allem Menschen gegenüber.

Manchmal erkenne ich aber- je mehr ich mich darin üben will- wie unachtsam ich dennoch jeden Tag bin.
Es passieren dann Dinge -aus Unachtsamkeit-, die ich nicht mehr rückgängig machen kann, die jemand anderem dann auch sehr weh tun.
Obwohl ich es nicht gewollt habe.

Manchmal habe ich mich aber auch mit der Unachtsamkeit eines Mitmenschen auseinander zu setzen.
Vielleicht kennen Sie das: Sie sitzen an einem Tisch mit anderen, einige kennen Sie mehr, die anderen weniger.
Aber das Gespräch ist nett und die Leute sind Ihnen durchweg sympathisch.
Doch plötzlich haut Ihr Nebenmann oder Ihre Nebenfrau etwas heraus, was einen anderen am Tisch sehr treffen könnte.
Mir gefällt der Ausdruck „raushauen“, weil tatsächlich etwas losgehauen, abgetrennt wird, was lieber hätte „drin“ bleiben sollen.
Also die Person neben Ihnen haut etwas raus und Sie möchten am liebsten in Grund und Boden versinken.
Sie schämen sich fremd und für den Menschen, den es trifft, ist es Ihnen ungeheuer peinlich.

Dabei ist der oder die, die die Sache „rausgehauen“ hat, eigentlich eine Seele von Mensch.
Er oder sie war „nur“ unachtsam, den Anderen und vor allem auch dem Gebrauch der Sprache und den benutzten Worten gegenüber.
 
Ja, Achtsamkeit der Sprache gegenüber, die ich wähle, ist ein nächstes großes Thema.
So ist es nun, eine Unachtsamkeit, sie ist nicht mehr rückgängig zu machen, sie ist geschehen.

Manchmal können wir sie nur so stehen lassen und darauf vertrauen, dass Nachsicht, Vergebung und auch das Vergessen wirksam sind und ihren Weg finden.

Trotz sollen wir aber nicht nachlassen, aufeinander achtzuhaben und uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und einen friedlichen und behüteten Jahreswechsel,
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier

Andacht 2018 10 - Offen für das Leben

Andacht von Margot Käßmann (Oktober - November 2018)
Offen für das Leben

Ein schöner Tag kann ein Tag sein, der einfach gelebt wurde.
Das ist Schönheit im Moment, das Spüren des Lebens, die Wahrnehmung der Natur, ein Lachen, das aus der Tiefe kommt.

Ja, und da ist die Schönheit des Menschen: Aber sie zeigt sich nicht in Body-Maß-Index-Einheiten.
Ein schöner Mensch – voller fröhlicher Energie.
Ein Mensch, der etwas weiß und zeigt vom Leben in aller Tiefe.

Schönheit ist die Eigenheit jedes Menschen, geschaffen von Gott. 
Alle verschieden.
Der kleine behinderte Junge und das Model, der rundliche Mann und die alte Dame, die mit der krummen Nase und der mit den breiten Ohren.

Ich empfinde ein Mädchen mit Down-Syndrom schön, weil sie etwas spüren lässt von der Liebe zum Leben, vom Glücklichsein.

Schön ist auch ein Tag, an dem ich etwas geben konnte, an dem ich für jemanden wichtig war, oder ein Tag, an den ich gern zurückdenke.

Schön ist ein Moment der Stille am Meer.
Einklang mit der Natur.
Harmonie mit einem Menschen.

Warum nur müssen wir alles normieren, angleichen, anpassen, gleichmachen, klonen, damit es einem Ideal entspricht, das sich ja doch immer wieder verändert?
Schönheit ist Individualität.
Schönheit strahlt aus dem Mann, der eine wunderbare Erfahrung gemacht hat.
Schönheit leuchtet aus der Frau, die Liebe gespürt hat und Liebe geben konnte.

In der Bibel sehe ich solche Schönheit, wenn Menschen angesehen werden durch Jesus, mit den Augen der Liebe, und so „angesehene Menschen“ werden.
 
Schönheit ist wunderschön!
Ich wünschte, wir hätten die Freiheit, sie im Alltag zu entdecken.
Dann wären wir wohl auch wieder offen für das Wunder des Lebens, das jeden Tag neu geschenkt wird.

Margot Käßmann