Die Frauenhilfe mit Dornröschen auf der Weser? O Ja! Und wie!

Es war einmal ein König und eine Königin, die sich nichts sehnlicher wünschten… so fängt das Märchen von Dornröschen an. An dem heutigen Nachmittag fängt es wieder an, das Dornröschen-Märchen… jedoch, diesmal sind es nicht eine, sondern mehr als zwanzig Schwalenberger Majestäten … im königlichen Gewand? Von wegen! Sie haben sich leicht und fröhlich aufgemacht - ihre Königin trägt sogar ein kokettes Röckchen! Diese Majestäten sind es, die sich an diesem sehr warmen Junitag - wir schreiben den sechsten, anno zweitausend achtzehn - zu Wasser begeben möchten, nicht zum Baden, sondern zum Fahren… mit Dornröschen… Was für eine schöne Voraussicht!

Daheim noch vor 14 Uhr auf dem Parkplatz zusammen gekommen, plaudern wir, die wartenden Hoheiten, leise angeregt neben dem kleinen Reisebus - dessen Klima-Anlage läuft: dafür sorgt der Fahrer - denn wir haben seit April ziemlich viel Wärme zu genießen. Und dann ist es so weit: wir rollen gemütlich nach Polle, der Weser entgegen, eine halbe Stunde zu früh natürlich, weil Dornröschen noch schläft… wir aber harren geduldig im Schatten der Bäume; für die Müden gibt es sogar Bänke.

15 Uhr – endlich! Dornröschen erwacht und wir gehen an Bord, sorgsam geführt durch den königlichen Lakai, der uns später auch weiter bedient. Ab dem Liegeplatz lenkt der Kapitän das Schiff, es bewegt sich langsam und wendet kaum merkbar durch die schnell fließende Weser - in Polle strömt der Fluss drei Meter pro Sekunde. Dabei verlassen wir die Deutsche Fachwerkstraße und gleiten durch den Fluss, der durch einen Dauer-Kuss von Werra und Fulda entsteht, parallel mit der Deutschen Märchenstraße, Richtung Bodenwerder, Richtung Ziel.

2018 frauenhilfe ausflugDas Weserboot hat seinen Namen „Dornröschen“ nicht gestohlen! Inzwischen sitzen wir im Unterdeck am Tisch: Kuchen, Kaffee, Milch, Zucker, alles ist schon da und wir lassen es uns schmecken. Hier unten hören wir die Mitteilungen aus dem Lautsprecher kaum, dafür aber können wir gemütlich reden, und durch die Fenster das vorbeigleitende Uferleben bewundern… leider auch mehrmals unterbrochen von mehreren, hundert- bis fünfhundertmeterlangen Campings… bewohnt durch Menschen, die vielleicht in der Stadt eine kleine Wohnung beziehen und die ihre Freizeit am Wasser genießen möchten? Nicht, dass ich es denen nicht gönne, weit gefehlt… aber, ist ihnen in den Großstädten die Luft unheimlich geworden? Oder sind es reiche Besitzer von schönen übergepflegten Gärten, wo kein Gräschen höher wachsen darf als das andere, die ihre Ferien in einer wilden Natur durchbringen möchten? Sind es Menschen, die nicht wissen, dass sie durch ihr Leben im Karavan, wobei sie meistens nicht auf Komfort verzichten wollen, dieser Natur mehr Schäden als Gutes bescheren? Noch andere Karavan- oder Wochenendhaus-Bewohner besitzen ein Boot, womit sie auf die Weser fahren möchten, was ich gut verstehen kann. Und weil die Weser für Gewerbe-Schifffahrt ungeeignet ist, lehnt sie sich ausgezeichnet für Wassersportler. Schwimmer aber sollen sich hüten! Nur möchte ich nicht unsere wunderbare Laune und Gemütlichkeit durch negative Gedanken verderben und schweige…Hier und da ragt ein spitzer Kirchturm in die Luft, umringt von einigen Häusern: Grave, Dölme, Pegestorf… Zum Glück gibt es am Ostufer keine Karavans – und können wir winkenden Mädchen zurückwinken. Oder wir entdecken ein menschenbesetztes Floß – mit Motor – denn bei der Heimreise sehen wir es wieder, diesmal nicht am Ufer, sondern übers Wasser gleitend… oder schauen dem schwebenden Reiher nach, der plötzlich in das Dickicht taucht – mit einem Fisch im Schnabel: zu seinen Jungen im Nest? Dann entdecken wir eine offene Wiese mit Uferbepflanzung, worauf mehrere braunen Gänse emsig ihr Grünfutter rappen… sie haben den Körperbau einer grauen Gans. Die grauen Gänse sind teils Zieh- teils Standvögel, die in Gruppen leben. Sind die braunen Exemplare wild oder eine gezüchtete Kreuzung und angesiedelt? Wenn sie so frei gehalten werden, sind wohl ihre Flügel gestutzt? Wir fahren an der westlichen Felswand vorbei – davor steht ein Kran mit zwei Männern hoch im Korb… der Weg Richtung Hameln wurde gesperrt wegen Bauarbeiten… welche? Der Fahrer erwähnt später auf der Rückfahrt, dass man vorhat zwei Brücken zu bauen… dies würde zwei Jahre dauern! Graue Reiher fliegen hin und her, oder stehen wie Monumente am Wasser, lauern auf Fische… Hier und da entdecken wir eine einsame kleine Ente, halb versteckt zwischen Uferpflanzen – welche Art? Einige Farben erhellen das dunkle Gefieder, vor allem am Kopf, aber so gut kenne ich mich nicht aus… Löffelenten? Wir kaufen eine Erfrischung und steigen nach und nach doch zum Oberdeck, frische Luft, Sonne und Wind entgegen. Der Lautsprecher bringt Wissenswertes, aber worauf wir kaum zuhören, weil wir uns so viel zu erzählen haben. Und plötzlich sind wir doch am Ziel… nach zwei Stunden ist die herrliche Fahrt vorbei. Leider.

Einmal von Bord, in Bodenwerder, laufen wir, trödelnd, denn es ist noch immer sehr warm - wir schreiben 17 Uhr, nach Sonne ist es erst 16 Uhr - bis zur evangelisch-lutherischen Kirche St.-Nikolai, in Wesersandstein gebaut – es ist in dem schönen Gotteshaus herrlich kühl – und lauschen dort die Worte unserer Pfarrerin, singen „Geh aus, mein Herz…“ und dann liest sie uns den Text vor, angebracht über das in Dolomit-Stein gebaute Taufbecken. Ich muss zugeben: ich verstehe es nicht, werde es später einmal in Geschichtsbücher aufsuchen, oder besser noch mal dahin fahren, denn Bodenwerder (ich war dort nur einmal auf dem Flohmarkt) hat mir gefallen. Zurück in der Sonne folgen wir der Familie Albrecht zum Parkplatz. Auf dem Weg dahin werde ich angenehm überrascht… rechts von einer kleinen Brücke treiben Lilien im kühlen Nass. Plötzlich trägt es sich zu - beinahe wie im Märchen - dass ein Frosch zwischen den Teigrosen seinen Kopf aus dem Wasser hebt und zu mir spricht: „quak“ sagt er und immer wieder „quak“… und mit diesem „quak“ erfüllt er meinen lang ersehnten Wunsch… nun weiß ich, dass er noch lebt, denn ich habe ihn seit meiner Kindheit, seit mehr als siebzig Jahren, nicht mehr gehört, nicht mehr gesehen. Damals brachten er und seine Artgenossen jeden Sommerabend, im Teich in der Nähe meines Elternhauses, ihr lautes Quak-Konzert…

Bodenwerder liegt tatsächlich an der Märchenstraße… Wenn ich gewusst hätte, dass wir im Bus auf dem Parkplatz noch beinahe eine halbe Stunde auf Nachzügler warten müssen, ich wäre noch länger auf der kleinen Brücke geblieben um mir meinen Frosch mit seinen Kulleraugen zwischen den Teigrosen anzusehen und anzuhören…

Der Nachmittag ist viel zu schnell vorbei… schade! Und so fahren wir - wegen Straßensperre auf der anderen Seite - über die Flussbrücke, ostwärts der sich windenden Weser, Richtung Süden, bewundern viele Kirschbäume und herrliche Rosen, streiten uns über die Höhe vom Köterberg, den wir in der Ferne entdecken und der leider keine 500 Meter erreicht, sondern 496… Aber… ab dessen Spitze man die Tausendmetern des Harzgebirges entdecken kann… Wir rollen bis an und auf die Fähre in Polle - müssen nicht aussteigen – werden samt Transporter mit Herrn Albrecht am Lenkrad, über die Weser, kaum spürbar – bis an das andere Ufer gebracht - denn die Fähre kann, trotz starker Strömung, nicht abtreiben: sie hängt mit Panzerketten an schweren Stahlkabeln. Eine kurze Busfahrt noch, bevor wir, Rischenau vorbei, unser herrliches Panorama bewundern können, ein Panorama, das Schwalenberg so beliebt macht bei Einwohnern und Touristen. Auf dem Parkplatz, beim Abschied, sagen alle: „Es war schön!“ Tage später, beim Treffen in der Stadt oder im Laden, sagt jeder: „Es war so schön!“ Wir danken allen Menschen, die an Idee und Organisation dieses Nachmittags mitgearbeitet haben – danken auch den beiden Fahrern für ihre Arbeit und ihr Ausharren in der sommerlichen Wärme.

Es grüßt Sie und Euch recht herzlich,
Maria Jaschkowski.